Retro-Computing: Interview mit Frank Erstling vom RETURN-Magazin

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Zurück in die Zukunft – das will nicht nur Michael J. Fox im gleichnamigen Kultfilm, sondern auch Frank Erstling. Der Macher des RETURN-Magazins widmet sich hingebungsvoll dem Zauber der alten Heimcomputer. Dieses Engagement wird von den treuen Lesern belohnt – neuerdings erscheint das Fachmagazin für Kenner auch am Kiosk.

Wer interessiert sich für Retro-Computing?

Das Thema alte Computer interessiert viele. Vor allem die, die damit aufgewachsen sind. Mag sein Videospiele früher zweidimensional waren, während sie heute dreidimensional und mit Open World statt vorgegebener Laufrichtung ausgestattet sind – trotzdem gibt es noch die Nachfrage nach den Klassikern und nach Informationen dazu.

Ist euer Magazin hierzulande das einzige dieser Art?

Nein, auch in Deutschland gibt es scharfe Konkurrenz. Hinter dem ursprünglich englischsprachigen „Retro Gamer Magazin“ steht in Deutschland ein riesiger Verlag mit viel Geld. Daran sieht man auch, dass das Thema Retro nichts Verschrobenes ist, sondern dass eine große Nachfrage besteht.

Denkt man an die goldene Ära der Heimcomputer, denkt man eigentlich nur an Spiele. Was konnte man noch machen mit den alten Computern?

Es gab schon damals auch Erwachsene, die sich mit Computern beschäftigten, aber definitiv waren die meisten User Kinder. Das lag daran, dass die meisten Leute Computer als ein Kinderspielzeug betrachtet haben. Was sich aufgrund der jungen Zielgruppe am besten verkaufte, waren Spiele. So kam es erst recht zum Ruf der Computer als reines Spielgerät.

Das Entstehen der bezahlbaren Heimcomputer führte dazu, dass Computer eine aufsteigende Sache wurden. Dass sie heute bei jedem wie selbstverständlich herumstehen, ahnten die Eltern von damals nicht. Keiner konnte ahnen, dass daraus mal das heutige Multimilliarden-Geschäft wird.

Ahnten die Spieler damals nicht, was in den Geräten für Möglichkeiten schlummerten?

85 bis 90 Prozent der damals produzierten Software waren Computerspiele. Was das Betriebssystem anging, war beispielsweise GEOS auf dem Commodore C64 das Pendant  zu Windows. Aber das war so langsam, dass man nicht wirklich etwas damit machen konnte. Auch hatten die User damals keine Ahnung, was man mit dem Heimcomputer hätte machen sollen als spielen.

Man hatte kein Internet, jeder war für sich allein. Nehmen Sie mal aus ihrem Rechner die W-LAN-Karte raus – dann kann man schnell nachvollziehen, wie man sich damals gefühlt hat. Man denkt sich: Was soll ich damit machen? Im Endeffekt blieb nichts außer spielen. Und Quatsch wie ein Programm zum Errechnen des „Biorhythmus“ und ähnliches.

„Für alle Heimcomputer, die jemals herauskamen, werden noch immer Spiele entwickelt.“

Warum wurde seit kurzem der Slogan „Das Magazin für die Generation 8-Bit“ aus RETURN verbannt?

Der Slogan wurde mit dem Gang an den Kiosk gelöscht. Der neue Slogan lautet „Faszination klassische Computer und Konsolen“. Der alte Slogan führte oft zu Missverständnissen. Gemeint war nicht die Generation der Computer mit 8-Bit-Prozessor, sondern die Menschen, analog zur „Generation Golf“. RETURN ist kein Magazin, das sich auf die 8-Bit-Technik beschränkt und ist es auch nie gewesen. Auch die Technik nach 8-Bit ist längst „Retro“.

Beispielsweise?

Mittlerweile ist auch die PlayStation 20 Jahre alt – und wird damit in den elitären Kreis der von uns behandelten Hardware aufgenommen. Ob 8-, 16-, 32- oder 64-Bit, ob Spielekonsole oder Heimcomputer – man könnte vereinfacht sagen: Was 20 Jahre alt ist, ist für uns Retro.

Doch letztlich ist es immer eine individuelle Sache: Was Retro ist, ist eine Altersfrage. Ich bin 47 Jahre alt. Für mich bedeutet „Retro“ ein wirklich altes Gerät. Zum Beispiel eben der C64 mit seinem 8-Bit-Prozessor. Für einen 27-Jährigen dagegen ist vielleicht schon Sega Dreamcast „Retro“.

Gutes Stichwort. Segas Dreamcast war etwas ganz besonderes, oder?

Die Dreamcast war Ende der Neunziger ein ganz interessanter Außenseiter. Sie war die letzte Sega-Konsole. Sega hat damals – mit Verlaub – ein ganz beschissenes Marketing gemacht. Wenn man das aus heutiger Sicht betrachtet, schüttelt man den Kopf. Sega hatte seinerzeit kein großes Interesse mehr an Konsolen. Man sagte sich: Wir hatten unsere Erfolge mit Konsolen, aber wir wollen lieber in die Spielhallen.

Sega dachte, in den Arcades verdienen sie mehr Geld, Konsolen könne man „nebenbei“ machen. Die Dreamcast war aber eine saugute Konsole, auch für die Menschen, die damit programmieren wollten. Sega hat die Konsole einfach in den Markt geschmissen und keine Werbung dafür gemacht. Dummerweise kam gleichzeitig die PlayStation 2 und Nintendo 64 auf den Markt. Sony und Nintendo haben Werbung ohne Ende gemacht, so dass bei der Allgemeinheit die Dreamcast nicht so stark wahrgenommen wurde wie die Mitbewerber. Daran wäre Sega beinahe Pleite gegangen.

Ist die Dreamcast deshalb ein besonders trauriges Kapitel der Spiele-Geschichte?

Nein, im Gegenteil: Die Dreamcast ist quicklebendig. Genau so wie für die anderen alten Konsolen und Heimcomputer werden auch auf für die Dreamcast bis heute noch Spiele entwickelt – nicht von riesigen Publishern, sondern von kleinen Studios, die Szene nennt sich „homebrew“. Die Dreamcast ist also höchstaktiv, die Qualität der Spiele ist verdammt gut. Für mich ist das nicht „retro“.

Das ist auch der Grund, warum unser Magazin bis heute so erfolgreich ist: Für alle Heimcomputer, die jemals herauskamen, werden noch immer Spiele entwickelt.

Auch für den Kult-Heimcomputer schlechthin, den C64?

Na klar. Für den C64 erscheinen pro Jahr mindestens ein Dutzend neuer Spiele. Auf Diskette oder auf Modul. Die werden aufwendig hergestellt, ein Spiel kostet zwischen 50 und 60 Euro. Das ist liebevoll gemacht, inklusive Booklet.

Das erklärt den Namen unseres Magazins: RETURN. Man geht zurück, aber es gibt auch neue Dinge dazu.

Fördert ihr die Szene aktiv?

Wir als Magazin unterstützen diese Independent-Programmierer. Beispielsweise mit im Vergleich zu Großverlagen bezahlbahrer Werbung. Das liegt in unserem eigenen Interesse, denn so kann die Szene weiterleben.

Sammeltrieb und Bastel-Freuden

Frank-Erstling-2015Wie sieht es mit der Bezahlung für solche modernen Spiele für alte Computer und Konsolen aus?

Hardcore-Retro-Gamer sagen: Ein neues Spiel für alte Hardware sollte nie free-to-download sein, sondern immer ein Verkaufsprodukt. Die Programmierer machen die das in ihrer Freizeit und investieren nebenbei ein bis zwei Jahre in ein solches Vorhaben. 

Sobald das kostenlos im Netz ist, verdienen sie nichts. Wir versuchen daher, die Programmierer zu „nötigen“, ihre Spiele auf Diskette oder auf Modul herauszubringen.  Die meisten unserer Leser wollen das auch so. Das hat viel mit Sammeleidenschaft zu tun.

Sind Retro-Gamer Jäger und Sammler?

Das Sammeln ist ein Teil des Reizes. Spiele zu kaufen, die man sich damals nicht leisten konnte, alte Module auf Börsen oder einem Flohmarkt zu finden und für kleines Geld zu kaufen. Dinge die man früher verkauft hat, kauft man später wieder bei Ebay, weil man damit groß wurde.

Was für einen Ruf haben Emulatoren in der Szene, die es ermöglichen, alte Spiele auf modernen Geräten zu daddeln?

Natürlich gibt es auch Gelegenheits-Retro-Gamer, die über Emulatoren zocken. Wir freuen uns zwar, wenn ein Spiel auf Diskette kommt, berichten aber auch, wenn es lediglich als Download für Emulatoren erscheint.

Wo ist eure Schmerzgrenze?

Wir berichten nicht über Flash-Spiele, die nur so aussehen als wären sie mit alter Technik gemacht.

Was macht – neben dem Sammeltrieb – die Faszination für Anhänger der Retro-Szene noch aus?

Retro ist nicht nur Retro-Gaming, letzteres ist nur ein Teil des Ganzen. Es gibt Leute, die sammeln alte Konsolen und restaurieren diese liebevoll. Nach dem Motto: „Schaut mal, ich habe auf dem Flohmarkt ein total verranztes Gerät gefunden. Ich habe keine Ahnung was das ist, aber ich will, dass es wieder funktioniert.“ In Foren führen sie dann Gespräche über die Restaurationsgeschichte.

Bestimmte Teile sind kaputt, die es heute nicht mehr gibt. Sie fragen: Hat jemand Ersatzteile? Und wenn nicht: Wie sind die Originalteile ersetzbar? Sie stecken ein halbes Jahr oder mehr an Arbeit rein, um die alte Hardware zum Laufen zu bringen.

Es gibt in der Szene besonders engagierte Fans alter Computer wie den Verein zum Erhalt klassischer Computer e.V. Da tauchen Geräte auf, die selbst ich noch nie gesehen habe, absolute Exoten. Die stellen das auf den Tisch, sagen „Wir haben keine Schaltpläne und das Ding ist kaputt.“ Dann nehmen sie das gemeinsam auseinander, recherchieren im Internet: Gibt es irgendjemanden mit einem Schaltplan dafür? Manche Restaurationen dauern Jahre.

Diese Faszination ist vergleichbar mit derjenigen der Leute, die Oldtimer sammeln.

Gibt es noch weitere Gründe, warum die alte Technik fasziniert?

Der C64 ist älter als 30 Jahre. Die im Vergleich recht neue PlayStation 3 hält ein paar Jahre, dann ist sie hin. Meine PS3 wurde beispielsweise schon drei mal repariert. Ich habe dagegen einen C64 hier stehen, an dem noch nie etwas kaputt war. Auch solche technischen Aspekte faszinieren die Leute.

Wegen der Frage, ob es sich um eine künstliche Obsoleszenz handelt? Also ob die Lebensdauer einer modernen Konsole absichtlich reduziert wird?

Dass sie absichtlich so produziert werden, dass sie früher kaputt gehen, ist eine Theorie. Andere sagen: Die moderne Technik ist so überfrachtet, dass sie anfälliger wird. So oder  so: Es führt zu Frust.

„Die Hauptmelodie des Zombie Nation-Hits Kernkraft 400 stammt von einem C64-Spiel“

Früher war in der Hinsicht alles besser?

Man hat einen Bezug zu manchen Produkten. Ich habe einen Bezug zum C64. Nicht dass ihn liebe, aber ich habe in der Kindheit etwas damit erlebt und freue mich, dass er noch funktioniert. Und wenn er mal kaputt gehen wird, weiß ich, wie ich ihn reparieren kann. Wenn das mit der PlayStation 3 passiert, sieht das ganz anders aus.

Auch ein Magazin in gedruckter Form ist in manchen Augen schon „Retro“. Habt ihr mal über eine digitale Version nachgedacht?

Wir haben unsere Leser gefragt, was sie davon halten. Die Leser wollen das gar nicht. Die wollen das Print, das buntbedruckte Papier.

Warum?

Das ist eine Entschleunigung. Infos in digitaler Form sind ihnen zu hektisch. Da sind Links zu anderen Seiten und andere Ablenkungen. Es ist viel entspannter, im Bett ein Magazin zu lesen.

Als wir angekündigt hatten, digitale Inhalte zu planen, kamen Beschwerden. Dabei hatten die Leser die Mitteilung nur falsch verstanden. Sie dachten, wir wollten die Print-Ausgabe ersetzen durch eine digitale Version und drohten, das Abo zu kündigen. Wir wollten das Papier aber nie sterben lassen, sondern nur zusätzliche Inhalte bieten.

Wie lebendig ist die Retro-Szene in Deutschland?

Das spielt sich vor allem in Ballungsgebieten ab. In Berlin ist beispielsweise die Hölle los, jedes zweite Wochenende findet da irgendein Event zum Retro-Thema statt.

Es gibt auch eine aktive Retro-Musik-Szene…

Ja. Chiptuning heißt der Fachbegriff. Es gibt jede Menge Leute, die mit alten Geräten Musik machen. Mit dem C64 oder dem Gameboy beispielsweise. Es gab sogar schon mehrfach Gruppen, die in die Charts gekommen sind mit Passagen aus Spielen der alten Zeit. Zombie Nation zum Beispiel: Die Hauptmelodie ihres Hits Kernkraft 400 stammt vom Soundtrack des C64-Spiels „Lazy Jones“.

Ein anderes Beispiel für Retro-Musik ist die SIDstation, ein moderner Synthesizer, der auf dem Soundchip des Commodore 64 basiert. Die Bausteine sind die Originalteile aus dem C64 Sound Interface Device. (Anmerkung der Redaktion: Mit der SIDstation arbeiten unter anderem Madonna, Nine Inch Nails, Timbaland, Daft Punk, The Prodigy, David Guetta, Depeche Mode und Linkin Park).

Es gibt aber auch puristische Hardcore-Retro-Musiker, die sagen: Ich mache meine Musik nur mit der kompletten Original-Hardware. Beispielsweise Tronimal, der seine Musik ausschließlich mit einem Gameboy erzeugt.

Was ist das größte Retro-Gaming-Event Deutschlands?

Auf der größten Spielemesse, der Gamescom in Köln, gibt es eine riesige Fläche von 1.500 Quadratmetern, auf der auch wir vertreten sind. Dort sieht man: Retro ist nicht nur etwas für alte Säcke. Da setzen sich auch Leute hin und daddeln Spiele, die sie von ihrem Alter her nie kennengerlernt haben könnten, als das Spiel erschien.

2010 waren wir das erste Mal auf der Gamescom. Mit 47 Jahren bin ich einer der Ältesten, die da herumrennen. Wir hatten Bauchschmerzen, was diesen hautnahen Kontakt angeht, weil wir dachten, die jungen Leute würden uns als alte Säcke auslachen. Um uns herum waren riesige Stände mit den Global Playern der Branche, wir waren mittendrin. „Hallo ich bin euer Leser“, begrüßten uns die Besucher. Wir haben auf der Messe auch Abonnenten kennengelernt, die zwischen 20 und 22 Jahren sind. Der jüngste war 13 Jahre alt. Er hatte ein Abo abgeschlossen und bezeichnete sich als begeisterter Leser. Wir waren erstaunt und fragten: „Kannst du uns erklären, was dich daran interessiert?“

Und konnte er die Faszination erklären?

Es war das gleiche wie für die älteren. Er interessierte sich für die Technik, kaufte sie billig auf Flohmärkten, um sie selbst zu reparieren. Er kannte auch viele Pixelspiele im alten Stil, die aber waren neu programmiert für Handys von heute.

Die Erfahrung auf der Gamescom war überraschend: Wir waren nicht alte Leute untereinander, sondern es war ein Spielen der Generationen. Viele junge Leute blätterten das Heft durch und waren verblüfft,dass es noch neue Spiele für die alten Dinger gibt. Sie kauften im Anschluss gern das Heft.

Ist Lesen auf Papier Oldschool?

Cover_Ausgabe_21

Die erste Ausgabe von RETURN erschien im September 2009. Das Magazin erscheint vier Mal im Jahr.

„Diese Systeme sind Teil unserer Kultur geworden, sind ins kollektive Spielergedächtnis eingebrannt und werden darum auch heute noch mit neuer Soft- und Hardware versorgt“, erklären die Macher die Faszination der alten Technik.

Links zu sehen ist die Ausgabe 21. Auch diese ist ein Erstling(s)-Werk.

Dabei handelt es sich nämlich um die erste Ausgabe von Frank Erstlings Magazin, die nicht nur im Direktvertrieb, sondern auch am Kiosk erhältlich war.

„Aufgrund der steigenden Nachfrage und Auflage konnten wir an den Kiosk gehen“, sagt Erstling. „Ein Riesenschritt für uns, da kein großer Verlag und keine Publisher dahinter stecken, sondern nur unsere Eigeninitiative.“

Dass der Titel am Kiosk zu haben ist, ist nebenbei auch der endgültige Beweis dafür, dass die digitale Nostalgie kein Nischenthema für wenige Fachleute ist, sondern längst im Mainstream angekommen ist.

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