Ohren auf! Die CDs des Jahres

Musik-Tipps der Redaktion

Musik-Tipps der Redaktion

alles-nix-konkretes-cms-sourceAnnen May Kantereit
Alles nix konkretes

Wer die Stimme von Henning May einmal gehört hat, der vergisst sie nie mehr.

Eigentlich müsste man viel älter sein, um sich so ein Organ verdient zu haben. Schleifpapier und andere ungesunde Substanzen scheinen derartige Stimmen entstehen zu lassen.

Doch Annen May Kantereit ist mehr als nur diese Stimme. Christopher Annen (Gitarre), Henning May (Gesang, Piano), Severin Kantereit (Schlagzeug) und der seit 2014 dazu gestoßene Malte Huck (Bass) lassen gemeinsam Musik entstehen, die Ohren, Herz und Hirn gleichermaßen ansteuert.

Die vier Freunde aus Köln sind nicht gecastet. Und entsprechend authentisch wirkt auch ihre ohrwurmegschwängerte Poesie.

Mal melancholisch, mal augenzwinkernd, mal lyrisch, mal konkret – Annen May Kantereit spielen nicht nur Instrumente, sondern auch mit unseren Gefühlen.

Das Ergebnis ist akustisches Kopfkino und fühlt sich gut an.

 

hr-i-had-a-dreamHamilton Leithauser + Rostam
I had a dream that you were mine

Der Anspieltipp aus dem Album ist eindeutig: Was Hamilton Leithauser in „A 1000 Times“ mit seiner Stimme macht, grenzt schon fast an Körperverletzung. Und zwar bezogen auf seinen eigenen Körper, denn er presst den letzten Tropfen Kraft aus seiner kraftstrotzenden Kehle.

„Wir hatten keine Ahnung, welche Art von Musik wir machen würden, aber am Ende haben sich die Dinge einfach ergeben“, berichtet Hamilton Leithauser über die Kooperation mit Rostam.

„Wir haben gleichzeitig geschrieben und aufgenommen. Es war schon absolut inspirierend, einfach nur dabei zu sein”, schwärmt der Sänger

Musikalische Stile der 50er Jahre, Instrumente der 80er und von heute, dazu eine Stimme, die einem durch Mark und Bein geht – die Kooperation von Produzent Rostam und Sänger Leithauser kann sich hören lassen.

Die Herangehensweise der beiden erinnert an David Byrne und Brian Eno. Und auch wenn diese eine völlig andere Musikrichtung machen – in einem Atemzug nennen darf man sie durchaus, wenn es um das Prädikat „Besonders wertvoll“ geht.

heinz_rudolf_kunze_meisterwerke_verbeugungen_albumcoverHeinz Rudolf Kunze
Meisterwerke: Verbeugungen

Er ist längst selbst ein Altmeister des deutschsprachigen Liedguts. Mit „Meisterwerke: Verbeugungen“ allerdings lenkt Heinz Rudolf Kunze den Blick auf andere Protagonisten.

Heinz Rudolf Kunze, der am 30. November dieses Jahres seinen 60. Geburtstag feierte, ist ein notorischer Vielschreiber.

Das beschränkt sich nicht nur auf Songlyrics. Auch Theatertexte, Prosa und Gedichte entstammen seiner Edelfeder.

Dennoch spielte während seiner 35-jährigen Karriere immer wieder mal mit dem Gedanken, ein Album mit Coverversionen aufzunehmen.

14 Coverversionen sind auf „Meisterwerke: Verbeugungen“ versammelt. Die musikalische Bandbreite ist dabei ebenso hoch wie die zeitliche.

Das älteste Stück, Freddy Quinns „Junge, komm bald wieder“ stammt aus dem Jahr 1962. Die jüngste Adaption, Caspers „Hinterland“, war 2013 ein Hit. 50 Jahre deutsche Musikgeschichte klingen auf dem Album wie aus einem Guß.

Statt der üblichen Verdächtigen – den gleichgroßen Namen in Sachen Chartserfolge wie Grönemeyer, Lindenberg oder Westernhagen – stehen auf der Tracklist auch viele sperrigere Interpreten, die man von einem wie HRK nicht zwingend auf den ersten Blick erwartet hätte: Die Ärzte beispielsweise, die Einstürzenden Neubauten oder DAF.

hotei_re-packHotei
Strangers

Während er in Deutschland noch viel Potenzial hat, entdeckt zu werden, ist Hotei in seiner Heimat bereits seit Jahrzehnten ein Superstar.

Einen guten Überblick über das Schaffen des Japaners bietet die Special Edition seines Debüt-Albums „Strangers“, welches zusätzlich vier Bonustracks enthält.

Der Gitarrist, Komponist, Sänger und Produzent kooperiert auf dem Album unter anderem mit der Punk-Legende Iggy Pop, Richard Z. Kruspe von Rammstein, Matt Tuck von Bullet For My Valentine, Noko von  Apollo 440 und mit der Sängerin Shea Seger.

Während er in seiner Heimat schon mehr als 40 Millionen Alben verkauft hat, kennt man Hotei in anderen Teilen der Welt nicht zwingend namentlich. Eins aber ist sicher: Gehört hat man bereits von ihm. Und zwar im Kultfilm „Kill Bill“.

Den Hotei-Song „Battle Without Honor Or Humanity“ wählte Quentin Tarantino zur Fanfare von „Kill Bill“.

Die Coolness und atmosphärische Dichte, die Tarantinos Geschmack traf, zeichnet auch die anderen Stücke des Albums aus.

Fazit: Electro-Kopfkino für Anspruchsvolle!
maxim_das_bisschen_was_wir_sind_albumcoverMaxim
Das Bisschen was wir sind

Der Wahl-Kölner Maxim ist keine Frohnatur, doch verharrt seine musikalische Melancholie nicht in starrem Selbstmitleid, sondern gewinnt eine trotzige Kraft aus sich selbst.

Die Vergänglichkeit von Liebe und Glück sind üblicherweise nicht der Stoff, aus dem man Popmusik bastelt, doch genau diese Zutaten sind es, die Maxims Alleinstellungsmerkmal darstellen.

Intelligente Texte voller geradezu bedrängender Nähe zum Abgrund, raffinierte Wortspiele und ein gewaltiger Soundtrack zu den großen Gefühlen des Hörers machen „Das Bisschen was wir sind“ zu sehr, sehr viel.

Die Komfortzone eines Feierabend-Clubs betritt Maxim allenfalls, um dem Hörer seinen Verfall zu demonstrieren.  „Willkommen im Club“ wird mit Verve vorgetragen und ist wie die anderen Tracks groovy und hip.

Doch wer nicht nur mit den Ohren hört, wird hinter dem Konfetti-Regen einen nachdenklichen Mann am Tresen vorfinden. Und auf den ersten Blick sehen: Es lohnt sich, „Hallo“ zu sagen. Weil da ein Vulkan unter der Haut brodelt.

„Ich trete mit diesem Album dafür an, dass Pop in Deutschland nicht immer wie ein Schimpfwort klingen muss“, erklärt Maxim. Das ist rundum gelungen!

projectpitchfork_albumProject Pitchfork
Look up, I´m down there

Peter Spilles ist für viele ein Pionier der deutschen Düster-Elektronik.

Die böse deutsche Antwort auf Depeche Mode? Rammstein, bevor es Rammstein gab? Alle Versuche, Project Pitchfork in Vergleichen zu umschreiben, sind aus einem sehr charmanten Grund zum Scheitern verurteilt:

Das Album „Look Up, I’m Down There“ ist ein überraschendes Comeback. Sein Timing ist allerdings kein Zufall: Es markiert den 25. Geburtstag des Projekts.

In den frühen Neunzigern als Dark Electro-Projekt geboren, ist Project Pitchfork bis heute in der Szene ein Name wie kaum ein anderer.

Das EBM-Erbe in den Fußstapfen von Front 242, Nitzer Ebb und Co hört man auch dem neuen Album noch an.

Das 17. Album bietet zwar kaum neue Impulse, doch hält es immerhin den Project Pitchfork-Standard. Und das ist eine sehr gute Nachricht.

rio_reiser_alles_und_noch_viel_mehr_coverRio Reiser
Alles und noch viel mehr

Lang lebe der König von Deutschland!

Rio Reiser war in den 70er Jahren mit seiner Band Ton Steine Scherben einer der „Urväter“ der deutschsprachigen Rockmusik.

Hits wie „König von Deutschland“, „Junimond“, „Halt dich an deine Liebe fest“ oder „Alles Lüge“ sind zeitlose Klassiker der deutschen Popgeschichte.

Song-Zitate wie „Keine Macht für niemand“ oder „Mensch Meier“ aus der Ton, Steine, Scherben-Ära haben es sogar als Redewendung in die Alltagssprache geschafft.

Am 20.08.2016 jährte sich der Todestag von Rio Reiser zum 20. Mal.

Zu diesem Anlass erschien  das Album „Alles und noch viel mehr“ mit den Hits der Ikone, einer „neuen“ Single (eine neu arrangierte Version von „Wann?“) sowie mit Coverversionen.

Tribut zollen dem Ausnahmetalent auf der 2CD-Premium Edition unter anderem Johannes Oerding, Gregor Meyle, Annett Louisan,  Nena, die Söhne Mannheims und Fettes Brot.

rumerRumer
This Girl´s In Love

Der Untertitel erklärt den roten Faden: „A Bacharach & David Songbook“. Gemeint ist eines der wichtigsten Kollaborationen der Musikgeschichte: Burt Bacharach und Hal David.

Bacharachs Musik und Davids Texte sind zeitlose Klassiker, die stilistisch zwischen Pop, Jazz und Easy Listening changieren.

Einige dieser Songs gehören zu den bekanntesten Kompositionen des 20. Jahrhunderts, ihre Wertigkeit ist über jeden Zweifel erhaben.

Stücke wie „(They Long To Be) Close To You“, „The Look Of Love“, „You’ll Never Get To Heaven“, „What The World Needs Now“ oder „Walk On By“ gehören zum ewigen Pop-Kanon.

Mutig also von der britischen Vokalistin Rumer, sich dieser Herausforderung zu stellen.

Mit großem Orchester als Rückendeckung und ihrer Stimme als Transportmittel wagt Rumer, die von der Presse als Nachfolgerin von Dusty Springfield und Karen Carpenter gefeiert wurde, sich an diese Meilensteine.

Lob gab es von höchster Stelle: Burt Bacharach nahm für den Titelsong persönlich am Piano platz, um als Gast an dem Album mitzuwirken. „Eine Ehre“, sagt Rumer. „Diese Songs sind zeitlos“, so die Künstlerin, „sie werden für immer bestehen.“

 

scala-solsticeScala & Kolacny Brothers
Solstice

Ein Chor und Rockmusik? Vor Scala & Kolacny Brothers wäre das Fragezeichen angebracht gewesen, doch das ungewöhnliche Projekt verwandelte es längst in ein Ausrufezeichen.

Das Album „Solstice“ dokumentiert das 20-jährige Bestehen des belgischen Projekts und zeigt erneut Diamanten der Pop- und Rockmusik in ungeahnter Form.

Die Cover-Versionen von David Bowie, Queen, R.E.M., Kate Bush, Nine Inch Nails, John Legend, Muse, Britney Spears und anderen zeigen, dass mehrstimmiger Minimalismus äußerst imposant mit Instrumenten konkurrieren kann.

Vom amerikanischen NPR als „himmlischer Chor des Rocks“ gekürt, findet die eigenwillige Musikwelt von Scala & Kolacny Brothers weltweit Anklang.

Auch Cineasten kennen den Stil des Chors, denn sowohl in Trailern zu Filmen wie Zero Dark Thirty oder The Possession (deutscher Titel: Das Dunkle in dir) als auch in Fernsehserien wie Downton Abbey, den Simpsons, Sons Of Anarchy, Homeland, Desperate Housewives und jüngst auch bei Gotham und Criminal Minds waren Scala & Kolacny Brothers zu hören.

tr343_die_hoechste_eisenbahn_rgbDie höchste Eisenbahn
Wer bringt mich jetzt zu den anderen?

Die Leichtigkeit des Seins spürt man bei diesem Album. Sie kommt nicht von ungefähr: Dem Bandnamen zum Trotz gingen die Jungs von Die höchste Eisenbahn die Arbeit gelassen an.

Felix Weigt, Max Schröder, Moritz Krämer und Francesco Wilking nahmen „Wer bringt mich jetzt zu den anderen?“ im eigenen Studio auf. Ohne Produzenten, ohne Zeitplan, ohne Rücksicht auf Jahreszeit, Biorhythmus oder Charts-Trends.

Das Ergebnis ist deutschsprachige Popmusik auf Weltklasse-Niveau. Nicht Verpackung, sondern gleichwertiger Partner von akustischen Kurzgeschichten.

Die Protagonisten: Louie, der nicht versteht, warum seine Freundin so rastlos ist. Kette, der alles gegen die Wand fahren will. Timmy, der sich grundlos wehtut und Lisbeth, die verbotenerweise rot wird, wenn sie „Ich liebe dich“ hört.

Warm, fluffig und weit klingen die Klanglandschaften, durch welche Die höchste Eisenbahn uns transportieren.

 

Bernd Begemann, selbst einer der ganz großen der deutschsprachigen Popmusik, bringt es auf den Punkt: „Auf dem Album von Die Höchste Eisenbahn gibt es immer wieder Stellen, an denen die Musik sich aufschwingt. Die Trampelpfade von dem verlässt, was wir unter Popmusik hinzunehmen gelernt haben“, so Begemann. „Die Höchste Eisenbahn steht für eine erwachsene Popmusik, die endlos verspielt ist.“
yann-tiersen

Yann Tiersen
EUSA

Die Soundtracks zu „Die fabelhafte Welt der Amélie“ und „Good Bye, Lenin!“ machten den Franzosen Yann Tiersen auch international bekannt.

Auch ohne Leinwand wecken seine Stücke große Gefühle.

Das Album EUSA vereint zehn Solo Piano-Stücke, die zwischen Melancholie und Leichtigkeit wechseln wie die Finger ihres Komponisten zwischen den schwarzen und den weißen Tasten.

Jede der Kompositionen bezieht sich auf einen bestimmten Ort auf der Insel Ouessant an der bretonischen Küste – im bretonischen Eusa.

Ouessant ist die Insel, auf der Tiersen seit einigen Jahren lebt. Zusätzlich wird jeder Titel auf EUSA begleitet von Field Reordings, also der Original-Geräuschkulisse, die Tiersen an dem jeweiligen Ort aufgenommen hat.

“Die Idea war, eine Karte der Insel zu entwerfen und darüber, auch eine Karte dessen, was mich ausmacht“, erklärt Tiersen.

Eusa zeigt, wie man mit Minimalismus die maximale Gefühlswirkung auf den Hörer erzielen kann.