Ein Endgegner namens Krebs – That dragon cancer

Kein überlebensgroßer Superheld, sondern ein krebskranker Junge als Protagonist: Joel aus "That dragon cancer" (Numinous Games)

Kein überlebensgroßer Superheld, sondern ein krebskranker Junge als Protagonist: Joel aus „That dragon cancer“ (Numinous Games)

Der kleine Joel macht einen Ausflug mit seinen Brüdern und seinen Eltern Amy und Ryan. Als er beim Entenfüttern einen ganzen Laib Brot ins Wasser schmeißt, wundert sich einer seiner Brüder, warum Joel sich noch immer wie ein Baby verhält.

Joel ist anders, erklärt sein Vater. Es gibt viele Dinge, in denen Joel noch nicht so gut ist, gibt er zu. Doch es gibt auch Dinge, in denen Joel gut ist. Beispielsweise darin, sich aus geringsten Anlässen zu freuen und begeistert in die Hände zu klatschen.

Was Joel körperlich und geistig ausbremst, ist seine Krankheit. Kurz nach seinem ersten Lebensjahr wurde bei ihm ein seltener Hirntumor diagnostiziert. AT/RT (atypischer  teratoider/rhabdoider Tumor) tritt fast nur bei Kleinkindern auf und gilt als äußerst bösartig.

Im Rahmen einer im Journal of Clinical Oncology veröffentlichten klinischen Studie starben trotz chirurgischer Entfernung des Tumors und Chemotherapie 83% der kleinen Patienten innerhalb von zwei Jahren nach der Diagnose aufgrund von erneutem Tumorwachstum.

Ein äußerst ungewöhnliches Thema für ein Medium, das sich üblicherweise mit Comicfiguren, Weltraumschlachten, Schießereien, Fabelwesen oder Helden mit übernatürlichen Kräften beschäftigt. Noch ungewöhnlicher: Alles an der Geschichte von „That dragon cancer“ ist wahr.

Ein kleiner Ritter und der unbezwingbare Drache

Familienfoto aus der Vergangenheit. Der zweite von rechts ist der verstorbene Joel. (Foto: Numinous Games)

Familienfoto aus der Vergangenheit. Der zweite von rechts ist der verstorbene Joel. (Foto: Numinous Games)

Um „That dragon cancer“ zu verstehen, muss man wissen, wer das Drehbuch zu der interaktiven Geschichte geschrieben hat: Amy und Ryan Green sind die Eltern von Joel, den wir als Protagonisten des Geschehens kennenlernen.

Als sie vor drei Jahren die Arbeit an dem Projekt begannen, war Joel noch am Leben. Ein Happy End schien sowohl für das Spiel als auch für das wahre Leben möglich. Damals war „That dragon cancer“ eine Art Kunsttherapie für Joels Eltern. Ein digitales Tagebuch, das ihnen half, ihre widersprüchlichen Gefühle, die zwischen Wut und Vertrauen, Hoffnung und Verzweiflung, Freude und Trauer wechselten, zu ordnen.

Dann diktierte das Schicksal das Drehbuch und verweigerte das Ende, das sich die Greens ersehnt hatten. Kein Wunder geschah. Stattdessen: die kalte Realität der Wahrscheinlichkeit. Joel starb im Alter von fünf Jahren.

In den Augen seiner Eltern war er ein tapferer kleiner Ritter, der sich in einem jahrelangen, erbitterten Kampf einem übermächtigen Gegner gestellt hatte: dem Drachen namens Krebs.

Von nun an machte Ryan Green die Arbeit an „That dragon cancer“ zu seinem Vollzeit-Job. Um die Geschichte seines Sohnes mit Hilfe der digitalen Poesie erzählen zu können, erlernte er 3D-Animationen.

Ein tiefer Blick in den Abgrund

Ein Spiel, das keinen Spaß machen soll? "That dragon cancer" lotet die Grenzen des Mediums aus. (Numinous Games)

Ein Spiel, das keinen Spaß machen soll? „That dragon cancer“ lotet die Grenzen des Mediums aus. (Numinous Games)

Neben Amy und Ryan arbeiteten fünf weitere Personen an „That dragon cancer“ – den Produktmanager und Komponisten mitgerechnet. Verglichen mit dem Budget und der Teamstärke von Blockbustern der großen Studios wie EA, Ubisoft oder Acitivision ist dies ein Indie-Titel.

Dennoch ist „That dragon cancer“ ein wichtiger Titel. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass es die Definition des Begriffs ´Spiel´ verschiebt. Denn zu den zentralen Merkmalen eines Spiels gehörte bis dato (und das sogar noch in der Zeit des analogen Spiels): Ein Spiel soll Spaß machen. Diese Grundregel bricht „That dragon cancer“ radikal.

Die Spielerfahrung hat mehr mit mentalem Masochismus zu tun als mit dem Hedonismus, der üblicherweise die Motivation zum Spielen charakterisiert. „That dragon cancer“ verwandelt die bequeme Zuschauercouch vor dem Fernseher in einen Schleudersitz, der uns in die Rolle von Akteuren katapultiert.

Wir schlüpfen, ob wir es wollen oder nicht, in die Rolle der Familie Green und erleben ihre Tragödie hautnah als wahr gewordenen Albtraum. Selbst hartgesottene Egoshooter-Veteranen und Survival Horror-Fans werden überrascht sein über die beklemmende Intensität der Spielerfahrung.

Und das, obwohl das Gameplay alles andere als herausfordernd und die Grafik weit entfernt vom Fotorealismus der State-of-the-art-Nextgen-Vorzeigespiele ist.

„That dragon cancer“ mag in Sachen Gameplay an ein Point´n´Click-Adventure ohne Rätsel erinnern oder an einen Railway-Shooter ohne Schusswechsel, doch zeigt es seinen Qualitäten in anderer Hinsicht: Die Handlung wird dramaturgisch raffiniert inszeniert, zeigt eindrucksvoll die Wahrheit hinter der Binsenweisheit „Bilder sagen mehr als Worte“ und lässt uns tief in die Köpfe und Herzen der Protagonisten blicken.

In seinen besten Moment ist „That dragon cancer“ Poesie, erzählt mit den Mitteln der Moderne.

Das wahre Leben ist beängstigender als ein Survival Horror-Spiel

Das Schicksal ihres Sohnes wird zur Zerreißprobe für die Liebe von Amy und Ryan Green. (Numinous Games)

Das Schicksal ihres Sohnes wird zur Zerreißprobe für die Liebe von Amy und Ryan Green. (Numinous Games)

Seine bisweilen kaum zu ertragende emotionale Intensität erlangt „That dragon cancer“ nicht zuletzt durch seine schonungslos ehrliche Authentizität. Spieler erfahren intime Details wie die Tatsache, dass das Schicksal von Joel für seine Eltern zur schwersten Prüfung ihrer Liebe wird. Oder dass das gläubige Ehepaar in ihrer Sinnkrise Gott nicht nur als Trost empfindet, sondern auch mit dem Glauben hadert.

Zur Authentizität trägt auch der Ton bei. Die Dialoge und Monologe wurden von Amy und Ryan Green und ihren Kindern selbst eingesprochen. Bisweilen kamen sogar die Tonspuren aus alten Familien-Videos zum Einsatz.

Die Intensität von „That dragon cancer“ wird vom Soundtrack von John Hillman gefördert. Die unaufdringlichen Kompositionen betonen die unterschiedlichen Stimmungen der emotionalen Achterbahnfahrt subtil, aber effektiv.

Ein Spiel, das man nicht gewinnen kann

Kann ein Spielautomat den Krebs besiegen? (Numinous Games)

Kann ein Spielautomat den Krebs besiegen? (Numinous Games)

In einer Schlüsselszene des Spiels können wir den feuerspeienden Drachen Krebs für einen Moment bekämpfen. Ein Spielautomat erlaubt uns, als Ritter mit einem Speer gegen das Monster anzutreten.

Später im Spiel findet sich der Spielautomat im Krankenzimmer von Joel wieder. In der Rolle seines Vaters Ryan wünschen wir uns, dass der Sohn endlich einschläft, doch die Schmerzen halten ihn wach.

Zu wissen, dass es der echte Joel ist, der unter Schmerzen schreit, macht die Szene noch beklemmender. Auf der Suche nach einer Lösung entdecken wir den Automaten im Zimmer. Hochmotiviert wollen wir erneut gegen den Drachen kämpfen – um festzustellen, dass der Automat defekt ist.

Wir können Joel nicht helfen und müssen weiterhin seine herzergreifenden Schmerzensschreie anhören.

Weinende Ballerspiel-Veteranen

Eine persönliche Anmerkung: Ich habe seit Jahren jeden brutalen Egoshooter gespielt und jedes Horror-Game. Aber nichts machte mir mehr Angst als der Gedanke, von „That dragon cancer“ allzu intensiv emotional berührt zu werden.

Die Sorge war berechtigt: Ich denke, ich habe beim Spielen dieses einen Spiels mehr Tränen vergossen als beim Betrachten aller Hollywood-Dramen, die ich je gesehen hatte. Ich habe noch nie zuvor derart empathisch am Schicksal meiner Spielfigur teilgenommen. Vermutlich, weil es den Machern von „That dragon cancer“ gelungen ist, zu jeder Sekunde deutlich zu machen, dass Joel mehr ist als eine Spielfigur.

Wenn es so etwas wie Empathy Games gibt, dann ist „That dragon cancer“ die Messlatte, an der sich alle zukünftigen Empathie-Spiele messen lassen müssen.

Ein digitaler Liebesbrief für die Ewigkeit

Joel knuddelt mit dem Hund. (Numinous Games)

Joel knuddelt mit dem Hund. (Numinous Games)

Auf den ersten Blick wirkt es vielleicht, als wäre es die Mission von „That dragon cancer“, den Spieler in tiefe Depressionen zu stürzen. Das Gegenteil ist der Fall. Amy und Ryan Green wollen trotz der ungeschönten Wahrheit über die Hölle, die sie erlebt haben, eine positive Botschaft vermitteln.

„Selbst in den dunkelsten und schwierigsten Momenten unseres Leben gibt es Freude und Hoffnung“, sagt Ryan Green. „All diese Erfahrungen formen uns zu den Menschen, die wir sind.“

Mit „That dragon cancer“ wollten sie nicht nur ihrem Sohn ein digitales Denkmal setzen, das Joel unsterblich macht, sondern auch anderen Trost spenden, die ähnliche Herausforderungen meistern mussten.

Als die Spielidee vor drei Jahren auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter vorgestellt wurde, kam das Konzept so gut an, dass 3.687 private Förderer 104.491 Dollar spendeten, um die Realisierung des Projekts zu ermöglichen.

200 von ihnen konnten sich selbst im Spiel verewigen. Beispielsweise in Form von Gemälden und Fotos, die der Spieler beim Gang durch den Krankenhaus-Flur betrachtet. Oder in Form von Trauerkarten, die man lesen kann.

Happy Birthday, Joel!

Ryan Green vergleicht das Spiel gern mit einer Art digitalem Gedicht. (Numinous Games)

Ryan Green vergleicht das Spiel gern mit einer Art digitalem Gedicht. (Numinous Games)

 

Das Erscheinungsdatum von „That dragon cancer“ ist nicht zufällig gewählt: Der 12. Januar ist der Geburtstag von Joel.

Mehr über das bemerkenswerte Projekt erzählt der Dokumentarfilm Thank you for playing.

Am 16. März 2016 werden in San Francisco die Preisträger des Independent Games Festival Awards bekannt gegeben. „That dragon cancer“ ist in gleich zwei Kategorien nominiert: „Excellence in narrative“ (Erzählkunst) und „Excellence in Audio“ (Herausragendes Audio-Design). Beide Titel hätte sich das ambitionierte Projekt verdient.

Und nun entschuldigt mich. Ich muss Pfannkuchen essen. Das war, wie ich dank „That dragon cancer“ weiß, Joels Leibgericht.