CD-, BUCH-, FILM-, SPIELE-REZENSIONEN


1. CD-REZENSIONEN
The Chemical Brothers (CD)
Come with us (Virgin)
Das dynamische Duo ist zurück. Und es ist keine Überraschung, dass sie ihre Rückkehr mit einem großen Knall einleiten. Wer der Aufforderung des ekstatischen Titeltracks „Come with us“ folgt, geht mit den Chemical Brothers auf einen akustischen Trip. Reisegepäck: Bässe, tief wie der Mariannengraben, mächtige Beats und das wildeste elektronisches Gefiepe und Gepiepse seit den Science Fiction-Filmen der 60er. Kennt man alles aus den drei Vorgängeralben. Stellt sich also die Frage, ob Tom Rowlands und Ed Simons mit der neuen CD den hohen Erwartungen gerecht werden – schließlich haben die Brüder im Geiste Mitte der 90er mit ihrem Debutalbum eine Lawine losgetreten. Ihr Stil wurde so oft kopiert, dass dafür ein eigener Name erfunden werden musste: Big Beat. Wir ersparen dir das Wortspiel nicht: Auch auf „Come with us“ stimmt die Chemie. Auch wenn der eine oder andere Track auf dem Niveau der Hintergrundmusik eines Playstation-Spiels liegt (ja, immerhin Playstation 2) – die Hits sind so vorprogrammiert wie die Musik. Wenn du beim ersten Hören nicht wenigstens mit Füßen und Kopf wippst, brauchst du gar nicht mehr zum Arzt gehen – dann bist du klinisch tot.
***
Verschiedene (CD)
Bali Sunrise
(edel)
Chill Out-Sampler mit lieblosem Geblubber auf dem Niveau einer Telefonwarteschleifenmelodie gibt es wie Sand am Meer. Um im Bild zu bleiben: Bali Sunrise ist der Sonnenaufgang an diesem Sandstrand. DJ Theo Ceccarini arbeitet an den angesagtesten Locations der Welt als Sounddesigner für Modestylisten. Wer jetzt befürchtet, die CD klingt entsprechend blasiert, wird angenehm überrascht. Eine abwechslungsreiche Mischung erfrischend kreativer Tracks. Hypnotisierende synthetische Sounds und natürliche Percussion, mal träumerisch, mal tanzbar. Mach die Augen zu und du stehst neben einer Gruppe von Indonesiern, die sich am Strand in eine kollektive Ekstase trommeln. Die Reise von Ibiza nach Bali hat sich gelohnt.
* * *
CLINIC   (CD)
Walking with thee
(Zomba)
Ein Quartett aus Liverpool? Das gab´s doch schon mal... Angesprochen auf die Fab Four, sagt Clinic-Sänger Ade Blackburn: „Die Beatles überschatten Liverpool auf eine fast schon unangenehme Weise.“ Vielleicht hat es ja ein bißchen mit Trotz gegenüber der übermächtigen musikalischen Erblast zu tun, dass Clinic kein bißchen mit den Pilzköpfe gemein haben. Ade Blackburn klingt wie kurz vorm Heulkrampf. Das Leidmotiv als Leitmotiv. Seine nasale Stimme erinnert an Indie-Größen wie die Pixies, Violent Femmes, Placebo. Aber Placebo auf Tranquilizer. Eine Stimme, die zu einem Psychopathen passen würde: Eindringlich. Sanft. Ruhig. Wenn er nicht gerade tötet. Blackburns charismatische Stimme, zusammen mit den hypnotisch-monotonen Rhythmen und den psychedelischen Sounds geben dem ganzen Album trotz der vordergründigen Entspanntheit eine subtile Dramatik. Die Ruhe vor dem Sturm. Du weisst, dass gleich was passiert, wenn im Gruselfilm die Spieluhr erklingt. Easy listening für den Fahrstuhl in der Klinik für Geisteskranke.
* * * *

2. FILM-REZENSIONEN

Conspiracy.com (FILM)
Das Computerbusiness ist eine binäre Sache: Du bist die Nummer Eins oder eine Null, tod oder lebendig – wie ernst gemeint die Firmenphilosophie von Multimedia-Mogul Gary Winston ist, bemerkt das von ihm rekrutierte Computergenie Milo Hofmann spät. Zu spät?
Wer das reale Vorbild für den diabolischen Hightech-Giganten Gary Winston ist, lässt sich leichter dechiffrieren als ein ASCII-Code: Bill Gates.

Mit: Ryan Phillippe (Ich weiß was du letzten Sommer getan hast), Tim Robbins (The Player), Rachael Leigh Cook (Eine wie keine)
Ticket kaufen? Seit langem endlich wieder ein Thriller voller Überraschungen, der bis zum Schluß spannend bleibt.
* * * *

3. BUCH-REZENSIONEN


Helge Schneider: (BUCH)
Der Scheich mit der Hundehaarallergie
(KiWi)
Wird wohl nichts aus dem geplanten Ruhestand für den größten Kriminalisten seit Sherlock Holmes: Sein neuester Fall verschlägt Kommissar Schneider in den Orient. Während seine Frau den Nachbarn poppt, jagt der Kommissar den Scheich mit der Hundehaarallergie. Schwierig, denn der böse Wicht ist unsichtbar. Zu allem Übel ist keine Frau in Sicht, als Schneider einen Kaffee braucht... Über Helge Schneider lässt sich streiten: Ist er der schlechteste Entertainer der Welt oder der schlechteste Literat? Während die eingefleischten Fans endlich wieder ein Kultobjekt des Meisters des Unkomischen in Händen halten können, hoffen die anderen, dass der Roman nie verfilmt wird. Weil ihnen noch schlecht ist vom letzten Mal.
* * * *

4. SPIELE-REZENSIONEN

Headhunter  (SPIEL)
Sega Dreamcast
Auch wenn die Mitbewerber die Dreamcast gern totschweigen würden: Die Sega-Konsole hat nach wie vor ihre Fangemeinde. Und die bekommt mit "Headhunter" nochmal einen Referenztitel, der locker mit "Crazy Taxi" oder "Soul Blade" mithalten kann. Ein moderner Kopfgeldjäger wird selbst zum Gejagten. Als Headhunter erwachst du mit einer Amnesie im Krankenhaus und bekommst den Rat: "Vertrauen Sie niemanden, den Sie nicht kennen. Und im Moment kennen Sie niemanden." Spielprinzip und Kameraperspektive kennst du aus "Resident Evil" und "Tomb Raider". Filmartige Zwischensequenzen und die exzellente Grafik ziehen Dich schnell in die düstere Story. Auch wenn der mit einer Liebesgeschichte aufgewertete Plot und das Gameplay alles andere als neu sind: Macht Spaß wie ein Roadmovie zum Selbstspielen.

MYST III - Exile (SPIEL)
PC
Die Erwartungen an den dritten Teil der Myst-Serie waren hoch. Schließlich war Myst 1 eines der erfolgreichsten PC-Spiele aller Zeiten. Die virtuellen Spaziergänge durch die geheimnisvolle Insellandschaft faszinierten Gelegenheitsspieler und ersparten Computernerds den Urlaub auf Hawai. Auch diesmal musst du (alp-)traumhafte Zauberwelten erforschen und Rätsel lösen. Aber das ist deutlich besser umgesetzt als bei den Vorgängern, die mehr mit einem Fotoalbum als mit einem Computerspiel gemein hatten: Der Spieler klickte sich in den ersten beiden Teilen durch stehende Bilder, was langfristig wenig aufregend war. Nur die fotorealistische Grafik setzte Maßstäbe. Dadurch, dass man sich nun im dritten Teil frei bewegen kann, gewinnt das Spiel deutlich an Lebendigkeit. Trotzdem: Wäre Exile eine Sportart, dann eher Schach als Motocross. Myst, nicht Mist.

Confidential Mission (SEGA)
Dreamcast
Im Gegensatz zu Elvis hast du einen verdammt guten Grund, auf deinen Fernseher zu schießen: "Confidential Mission" macht nur mit einer Lightgun richtig Spaß. Das Spielprinzip ist das gleiche wie in "House of Dead", nur die Gruselatmosphäre wurde gegen Geheimagentendeko ausgetauscht. Die Handlung ist so unwichtig wie be einem beliebigen James Bond-Film. Schieß einfach auf alles, was sich bewegt, außer auf - uups! - die Geiseln. Fans von altbewährten Egoshootern werden bemängeln, dass man sich bei "Confidential Mission" nicht frei bewegen kann, sondern eine vorgegebene Kamerafahrt mitmachen muss. Und auf Menschen statt auf Moorhühner zu schießen, ist natürlich politisch unkorrekt. Aber das vergisst man bei dem Spiel vor lauter Vergnügen schnell. Kaufen, bevor es auf den Index kommt!