BUCH- UND CD-REZENSIONEN

Udo Ulfkotte
So lügen Journalisten
(Bertelsmann)
Das Ungeheuer von Loch Ness, der Yeti, die Hitlertagebücher, der neue Lover von Jenny Elvers und die Ausserirdischen auf dem Kornfeld - Journalisten lügen im wahrsten Sinne des Wortes wie gedruckt. So Udo Ulfkotte und der muss es ja wissen, er arbeitet schließlich als Redakteur für eine renommierte Tageszeitung. Nestbeschmutzer? - Ja, aber mit Recht. Nicht umsonst sagt man, jemand "lügt wie gedruckt". Es sind längst nicht mehr nur die Schmierblätter, deren Wahrheitsgehalt dem von Science Fiction-Geschichten gleicht.
Nach der Lektüre von "So lügen Journalisten" hat der Leser das Gefühl, die Tierart mit der größten Population sei die Zeitungsente. Respektive der Fernseherpel. Angedichtete Techtelmechtel in Prominenz-Kreisen sind zwar ärgerlich für die Betroffenen, aber gesamtgesellschaftlich unbedeutend. Die ganze Brisanz der künstlichen Konstruktion von Wirklichkeit zeigt sich erst, wenn Journalismus zur Propaganda für politische und wirtschaftliche Mächte degeneriert. Dass das Wort mächtiger ist als das Schwert ist eine Binsenweisheit, die sich in der Kriegsberichterstattung bewahrheitet. Journalisten gehen der Sprache der Militärs auf den Leim. Einer Sprache, die grausame Tode verharmlost zum "Sterben in freundlichem Feuer", "Kollateralschäden" und "unfreiwilligem Bodenkontakt".
Der technische Fortschritt macht die Erschaffung künstlicher Wirklichkeit leichter denn je. Es bleibt zu hoffen, dass der moralische Fortschritt der Medienmacher da mithalten kann. Gefährdet wird diese Moral von vielen Seiten, ob die Verführer nun Konkurrenz, Quote, Ruhm, Geld oder Macht heißen. Journalismus und Schriftstellerei gehen nicht erst heute fließend ineinander über - es war kein geringerer als Edgar Allan Poe, der mit der erfunden Geschichte einer Atlantiküberquerung im Heißluftballon der Zeitung "Sun" zum Sieg über die Konkurrenz "Herald" verhalf. Ähnliches gilt für Mark Twain und viele andere. Fallbeispielen wie diesen ist es zu verdanken, dass sich "So lügen Journalisten" spannend wie ein Roman liest. Papier ist geduldig, Ulfkotte nicht. Sein Buch kämpft um einen der obersten Grundsätze des Journalismus: objektive Berichterstattung.

Benjamin v. Stuckrad-Barre:
Liverecordings
(der hörverlag)
Ein Poetry Slam ist so etwas wie Karaoke für Schriftsteller. Meist ist es das erste Mal, dass sich der zum Dichten berufene mit seinen Werken an ein Publikum wendet - und dann gleich an das  härteste Publikum der Welt. Die Untergrund-Literaturszene ist nichts für Weicheier - triff den Zeitgeist oder der Zeitgeist trifft dich, mitten in die Magengrube. Zwischenrufe aus dem Publikum treffen in die Archillesferse des Poeten, das Vertrauen in das eigene Talent. Dabeisein ist alles? Ja, genau - und die Erde ist eine Scheibe und Jenny Elvers hat Stil! Dabeisein ist gar nichts, gewinnen ist alles. Aus dieser Arena geht man entweder als neuer Szene-Gott oder als ausgebuhter Tagebuch-Vorleser. Einer, der es in den Olymp dieser Szene und darüber hinaus gebracht hat, ist Benjamin von Stuckrad-Barre. Sein Debüt-Roman "Soloalbum" schwankt zwischen Tagebuch-Banalitäten und dem Beweis, dass Literatur auch im 21. Jahrhundert nicht mund- und schreibtot zu machen ist. Vielleicht geht dieser Stil als die Epoche der neuen deutschen Konkretheit in die Literaturgeschichte ein, vielleicht geht sie auch einfach nur ein - pop art ist ebenso kurzweilig wie kurzlebig und Stuckrad-Barre hatte schon jetzt weit mehr als seine fünf Minuten Ruhm. "Liverecordings" ist die CD zum Buch zum Liveauftritt. Wir gratulieren. Nicht nur zu dem originellen Künstlernamen - auch dazu, dass Benjamin von Stuckrad-Barre den Zeitgeist traf, bevor der ihn traf.

Heinz Rudolf Kunze
Halt
(wea)
Mit dem Alter wird man ruhiger - diese Binsenweisheit macht natürlich auch vor Musikern nicht halt. Sobald die erste Ziffer auf der Geburtstagstorte eine "4" ist, wechselt das Credo manches ehemals wilden Rockers von "Sex & Drugs & RocknRoll" zu "Kur & Schlaftabletten & Radiotauglichkeit". Mit 43 Jahren und einer 21 Alben umfassenden Diskographie auf dem Buckel kommt auch Heinz Rudolf Kunze in die Jahre, die wir meinen. Die damit einhergehende Ruhe tut dem musikalischen Schaffen des rockenden Liedermachers nicht schlecht. Im Gegenteil besinnt sich die Ein-Personen-Institution des deutschsprachigen Liedgutes mit dem neuen Album auf das, was er am besten kann: die ruhigen Töne und poetische Texte. Apropos Poesie - der Lyriker in HRK meldet sich nicht nur in Form von Liedertexten zu Wort. Mit "Klärwerk" erscheint der sechste Lyrikband des Wortspielers (links Verlag). Die neue CD hei§t zwar "Halt", aber das bezieht sich nicht auf die Kreativität Kunzes. Das letzte Album war zwar - wie der Titel schon sagt - "Korrekt", aber erst mit "Halt" ist Heinz Rudolf Kunze zurück in Bestform. Ideenreich, als wäre es sein Debüt-Album. "Ich eigne mich nicht zum Popstar.", meint Kunze und plaudert über den Vorstellungstermin bei seinem Plattenlabel: "Es gab da nur die Leopardentypen um mich herum und ich kam da eben als Kassenbrillentyp." Stille Wasser sind tiefgründig. Kunze war, ist und bleibt ein trojanisches Pferd. Hinter den Brillengläsern des "Oberlehrers", als den ihn die Presse oft abgestempelt hat, schauen wache und weitsichtige Augen in die Welt. "Besserwisser" unkten manche Kritiker zu jedem Zeitpunkt seiner Karriere. Was kann Kunze dafür, dass er manches eben besser weiß? Kunze war nie ein Kind von Fröhlichkeit. Statt dessen seziert er eine tote Beziehung, beobachtet die kühle Handelsbeziehung zwischen einem Freier und einer Verkäuferin der Liebe, steigt mir Ophelia ins Flussbett, philosophiert über Murphys Gesetz, hält den Talkshow-Zombies den Zerrspiegel vor, schreit dem neuen Nazi-Narzissmus ein bestimmtes "Halt!" entgegen. Trotz allem, was er gesehen hat: Kunze gibt nicht auf zu kŠmpfen, zu glauben und zu lieben. "Leise" reimt sich mit "weise".

Linda Jaivin:
Sex, Space  & Rock«n«Roll
(Heyne; 14,90 DM)
In Overknee-Stiefeln und Lack-Miniröcken landen drei sexy Spacebabes vom Planeten Nufon auf der Erde und wollen nur das eine und das andere: Sex & Rock«n«Roll - so ein Plot kann ja nur einem Mann einfallen, genau so wie solche Sätze: "Hast du eine Rakete in der Hose oder freust du dich nur so, mich zu sehen?" Denkste! Tatsächlich wurde der Roman "Sex, Space & Rock«n«Roll" von einer Frau geschrieben. Vermutlich ist es genau dieser Umstand, dem zu verdanken ist, dass aus der zutiefst abgedroschenen Grundidee ein so originelles und vor allem witziges Buch entstehen konnte. Das liegt nicht zuletzt daran "Sex, Space & Rock«n«Roll" ist gespickt mit parodistischen Querverweisen auf die großen Werke des Science Fiction. Nicht nur hartgesottene SF-Fans schmunzeln, wenn Sie erfahren, dass in den intergalaktischen Bestsellerlisten das Buch "Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus" ein Renner ist, dass auf einem Planeten in der Nähe von Alpha Centauri riesige Akte X- Partys steigen und wie viele intergalaktische Reisende sich verfahren - oder besser: verfliegen - weil sie die Lektüre von "Per Anhalter durch die Galaxis" für bare Münze genommen haben. A propos "Per Anhalter durch die Galaxis" - die Anspielung auf diese Kultroman-Reihe  darf man als Hommage der Autorin ansehen, denn "Sex, Space & Rock«n«Roll" steht sehr deutlich in der Tradition der Bestseller von Douglas Adams. Dass die drei sexbesessenen Aliens ausgerechnet in Sidney landen, liegt nicht so sehr an der Tatsache, dass die Autorin Linda Jaivin dort lebt. Baby Baby, eine der Weltraumfahrerinnen,  erklärt über die Wahl ihres Urlaubszieles auf der Erde: "Wir hatten den Grand Prix d´Eurovision gesehen - Europa kam also nicht in Frage." Das Buch lebt von Seitenhieben auf der Metaebene wie dieser. Selbstironie: Wenn Linda Jaivin Recht hat, haben
Frauen auch auf anderen Planeten Probleme beim Einparken: Nur eine der drei Abenteuerinnen  aus dem All hat den Test im senkrechten Einparken für UFOs bestanden.

Schlimme Ehen. Ein Hochzeitsbuch
div. Autoren, hrsg. von Manfred Koch und Angelika Overath
(Eichborn; 48 DM)
Testpiloten sind gegen sie Sesselpupser, Stuntmen und Geheimagenten wirken im Vergleich zu ihnen wie verspielte Kindsköpfe, Freeclimber, Fallschirmspringer und Tiefseetaucher sollten geringere Lebensversicherungsbeiträge zahlen als sie. Die Rede ist von den wagemutigsten Helden unserer Gesellschaft: den Eheleuten. Der Trauschein trübt: Die Kriminalstatistik macht deutlich, dass man nirgends gefährdeter lebt, als in den eigenen vier Wänden. Das Klischee von der vergifteten Pilzsuppe ist also beängstigend nah an der Realität. So war das nicht gemeint, als der Pfarrer sagte "...bis dass der Tod euch scheidet". Aber selbst wenn die Ehe nicht im Mord mündet: das Absterben der Gefühle ist ein ähnlich grausames Ende. Die Scheidungsstatistik ist nicht minder abschreckend als die Kriminalstatistik: In Großstädten hält mittlerweile jede zweite Ehe nicht mehr der Abnutzung und den Missverständnissen stand. Der platteste Allgemeinplatz bezüglich der Zweisamkeit ist der Spruch "Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende". Der Titel verrät: Die schlimmen Ehen, von denen hier die Rede ist, sind Schrecken ohne Ende. Die Szenen in diesem Buch setzen da an, wo im Kino der Abspann anfängt, beim Leben nach dem Happy End. Die Fallhöhe von der Liebesheirat bis zur Desillusionierung ist ein zeitloses Thema, wie das Inhaltsverzeichnis verdeutlicht: ein Reigen renommierter Autoren aus allen Epochen der Weltliteratur, von Homer über Schiller, Tolstoj, Sartre bis zum großen zeitgenössischen Ehe-Pessimisten Martin Walser. Dass die meisten Texte aus den letzten 200 Jahren stammen, ist nicht verwunderlich: Erst seit dieser Zeit steht die Ehe unter dem ebenso fragilen wie gefährlichen Anspruch auf Liebe und Glück. Dennoch versteht sich die Anthologie laut Untertitel als "Ein Hochzeitsbuch" - die abschreckenden Beispiele sollen gleichzeitig ein gedrucktes Frühwarnsystem sein, als auch - ex negativo - eine Huldigung an alle, die das größte Wagnis trotzdem eingehen. Der Trick ist, auch nach dem Standesamt-Termin in wilder Ehe weiterzuleben.

Robert Gernhardt: Herz in Not
(Raben Records)
Man sollte meinen, es gäbe Themen, die sich per se dem Humoristischen verschließen. Im Angesicht des Todes beispielsweise bleibt manchem verständlicherweise das Lachen im Hals stecken. Dem komischen Zeichner und Dichter Robert Gernhardt war selbst noch die eigene Herzoperation Anlass genug für heitere Sprachspiele. Nachdenken über das Leben, über den Krankenhausbetrieb, über den Tod, über die Angst und über die Hoffnung. Angenehmerweise arbeitet Gernhardt nicht mit Galgenhumor, sondern nach der Erkenntnis, dass Lachen auch für Herzkranke die beste Medizin ist. „Herz in Not“ beweist: Not macht erfinderisch. Unter anderem noch auf der CD: Gernhardts himmlisch blasphemische Hommage an den „größten und erfolgreichstenVerbieter aller Zeiten“. Das elfte Gebot, weiß Gernhardt, lautet „Du sollst nicht lärmen“. In Wilhelm Busch-Manier reimte Gernhardt über „die nackten Fakten“ eines Studentenstreiches im Max und Moritz-Stil, dessen Opfer kein geringerer als Theodor „Teddie“ Adorno war und der als „das Busenattentat“ in die Geschichte einging - wenngleich auch eher ins Kleingedruckte der Geschichte. Robert Gernhardt war unter anderem Ghostwriter für Otto Waalkes, arbeitete für die Satire-Zeitschriften „Pardon“ und „Titanic“ und schrieb und zeichnete sich in die Herzen der Leser seiner Gedichte, Bildergeschichten und Romane.


Mr. Sexbomb
Sein Comeback schlug ein wie eine Bombe: Tom Jones, alias "der Tiger", ist zurück in der Manege des Rock-Zirkus. "Sexbomb" hieß der erste neue Hit - Anlaß genug für uns zu fragen, ob der über 60-jährige sich selbst noch als "Sexbomb" sieht oder ob er sich vom Tiger in einen grauen Panther verwandelte: "So wie ich singe und auftrete, gibt es dabei immer eine sexuelle Komponente. Vielleicht bewege ich mich nicht so, wie man es in meinem Alter von mir erwartet, aber ich fühle mich nicht so. Mein Enthusiasmus ist ungebrochen." Das gilt, so verrät der ehemalige Las Vegas-Partner von Elvis Presley, auch für das Privatleben: "Ich habe immer noch die gleiche Energie wie mit 20 und bin sexuell fit." Zumindest von der stimmlichen Fitness des Ein-Personen-Zirkus aus Wales konnten sich die Fans auf seinen Konzerten in ganz Deutschland unlängst überzeugen: Egal in welcher Großstadt, Onkel Toms Hütte war immer zum Bersten voll.

Matthias Eckholdt: Moment of Excellence
(Eichborn)
„Diese political correctness ist ja wohl die humorloseste Erfindung in der ganzen Menschheitsgeschichte.“ Den Satz lässt Matthias Eckholdt einen der Protagonisten seines Erstlingswerks „Moment of Excellence“ aussprechen. Er könnte auch das Motto des ganzen Romans sein, denn die derbe Sprache der harten Kerle aus der Motorsport-Szene würde stellenweise sogar Charles Bukowski die Schamesröte ins Gesicht treiben. Temporeich wie ein Autorennen wird die groteske Story um den Tourenwagenpiloten Marc Merkus erzählt.  Nach einem Crash gerät der tragische Held in die Fänge eines Neurochirurgen, der die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn ebenso überschritten hat wie die Grenzen wissenschaftlicher Ethik. Dieser Cyberspace-Frankenstein implantiert dem Rennfahrer einen Chip, der ihn denken lässt, er sei der spätantike Philosoph Boethius. Amüsant ist das Buch durch die Situationskomik, die entsteht, wenn Matthias Eckoldt die harte Machosprache der Renn-Crew mit den philosophischen Diskursen des Gehirnwäsche-Patienten kontrastiert oder wenn dieser über die Antinomie der Existenz Gottes und des Bösen reflektiert, ohne zu wissen, dass er gleichzeitig Mittelpunkt einer Verfolgungsjagd ist, die jedem Agentenfilm zur Ehre gereichen würde. Ein lesenswertes Crossover von Action, Krimi, Philosophie, Comedy und Science Fiction.