KRETAS WILDER OSTEN

300 Sonnentage im Jahr, sprichwörtliche Gastfreundschaft und beeindruckende Natur – kein Wunder, dass die Insel Kreta ein beliebtes Urlaubsziel ist. Von der „unbegangenen Wildnis“, die Erich Kästner in seinen Kreta-Aufzeichnungen aus dem Jahr 1943 beschreibt, ist in den Touristen-Hochburgen im Norden der Insel nichts mehr erahnbar. Doch wer das ursprüngliche Kreta sucht, wird im wilden Osten fündig.

Es gibt einen englischsprachigen Ausdruck, der wie geschaffen für die größte griechische Insel scheint: »in the middle of nowhere«. Kreta ist das Niemandsland zwischen den Kontinenten, gleichweit entfernt von Europa, Asien und Afrika. »Die Sonneninsel« wird sie gern und mit Recht genannt. In den Sommermonaten sind Kühlschrank und Ventilator die geschätztesten Errungenschaften des technischen Fortschritts und das Meer wird zur hochfrequentierten Gemeinschaftsdusche. Charakteristisch für die Landschaft der Mittelmeerinsel sind Sand- und Kieselstrände, hohe Berge, fruchtbare Ebenen und tiefe Schluchten. Ebenso typisch sind mittlerweile aber auch die vom Tourismus eroberten Städte an der Nordküste. Die ehemaligen Dörfer wurden in eine Mischung aus riesigem 24 Stunden-Supermarkt und Disneyland verwandelt. Der Küstenstreifen von Malia bis Cherssomsou trägt bereits den Spitznamen »Mallorca von Griechenland«. Vom Massen-Tort(o)urismus verschont bleibt man allerdings am südöstlichen Küstenstreifen. Hier hat die majestätische Natur Trutzburgen gegen den Bauwahn errichtet - zahlreiche Steilklippen sorgen dafür, dass der Reisende hier die von Urlaubsprospekten arg strapazierte Worthülse von der »unberührten Natur« mit Leben füllen kann. An der Ostküste sind selbst Strande an ausgesprochenen Urlaubsorten, wie Ierapetra oder Makrigialos, weit entfernt von den friedhofsähnlichen Sonnenschirm- und Liegen-Formationen, die der Hochsaisons-Adria-Urlauber gewohnt ist. Wer Kreta in seiner ganzen Schönheit und Vielfalt kennenlernen will, sollte einen Urlaubsort im Südosten zum »Hauptquartier« erwählen und von dort aus Erkundungen mit dem Mietwagen, Motorrad oder Roller machen. Im letzteren Fall sind allerdings 80 ccm das Minimum. Die Griechen haben ein anderes Verständnis von dem Wort »Autobahn« als wir und die Straßenverhältnisse in den Bergen, abseits der Autobahn, machen jeden Trip zu einem Offroad-Parcour. Während die Touristen in der Regel mit Kleinwagen unterwegs sind, sieht man ansonsten mehr Pickups auf den kretischen Straßen als in sämtlichen amerikanischen Roadmovies seit der Erfindung von Technicolor. Gleich hinter dem Ortsschild befindet man sich in von der Zivilisation verschonter Wildnis. Zu entdecken gibt es viel. Zahllose einsame Buchten warten auf ihre Entdeckung, kristallklares Wasser lädt zur Erfrischung ein, bizarre Felsformationen und die reichhaltige Flora können bestaunt werden, Ruinen von minoischen Bauwerke erinnern daran, dass Kreta die Wiege der europäischen Hochkultur ist. Es ist ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer für jeden Tourist, wenn seine Schuhe die staubige Treppe der Ausgrabungsstätte bei Zákrso emporsteigen. In der Palastruine von Zárkos, der neben Knossos größten archäologischen Stätte Kretas, wandelt er auf vier Jahrtausenden Geschichte. So wie JFK sagte: »Ich bi ein Berliner« kann der europäische Urlauber sagen: »Ich bin ein Kreter» Wegweiser mit der Aufschrift »archaeological site« sind hier so häufig wie bei uns Verkehrsschilder. In der Nähe der Palastruine befinde sich eine weitere Sehenswürdigkeit: das Tal der Toten. Den morbiden Namen verdankt das Tal seinen Höhlen in den Felswänden, die den Minoern als Kult- und Grabstätten dienten. Das Tal ist eine von vielen sogenannten »Gorges«. Diese tiefen Klammen mit mehr oder weniger parallel verlaufenden Steilwänden sind ein Hauptcharakteristikum des kretischen Ambientes
Die Gorges durchqueren den Großteil der Insel. Sie entstanden vor 14 Millionen Jahren, als die Bewegungen der Erdkruste Gebirgsspaltungen auslösten. Bis zum Sommer fließen Wasserläufe durch diese Schluchten, dann trocknen sie aus. Karg ist die Landschaft hier in den Sommermonaten. Die regenlose Zeit bemalt die gesamte Pflanzenwelt mit einem wüstenhaften Beigeton und unterstreicht damit die Dominanz der kargen Felslandschaft. Wer die Schluchten durchwandert oder bei Sitia die mit 1476 Meter höchsten Berge im Osten besteigt, in dem wächst ein Gefühl, das uns Stadtmenschen schon lange abhanden gekommen ist: Respekt vor der Natur. Nikos Kasantzákis schreibt in seinem Roman »Alexis Sorbas«: »Die kretische Landschaft ist gleich einer guten Prosa: frei von Überladenheiten, kräftig. Aber zwischen den herben Linien entdeckt man Empfindsamkeit und Zartheit«. Wäre Kreta einer der von Udo Jürgens besungenen griechischen Weine, so wäre es kein lieblicher und auch kein demisec, sondern ein herber. In den Bergen kann man, ganz im Stil von Indiana Jones und Lara Croft, auf abenteuerliche Entdeckungsreise gehen. Wildziegen in Felsvorsprüngen umhüpfen hier um Fellhaaresbreite die Gesetze der Schwerkraft, mit etwas Glück kann man einen Gänsegeier sehen.
Die Windstärke macht klar, warum Kreta seit der Antike »die Windige« genannt wird. Leere, halb verfallene Häuser machen Bergdörfer zu Geisterstädten, weil die Einwohner in die Touristenzentren gezogen sind. Wer sich traut, kann, ausgerüstet mit festem Schuhwerk und Taschenlampe, zum Höhlenforscher avancieren und auf eigene Faust in die Unterwelt hinabsteigen, wo die Natur dunkle Paläste mit Säulen aus Tropfsteinen geformt hat. Vor allem in den Bergdörfern findet sich authentische kretische Lebensweise. Keine modernen Bungalow-Bauten zerstören das malerische Bild der alten Häuser und der sie umgebenden verwinkelten Gassen. In Städten wie Ano Viánnos, das sich an den Südhang des Dikti-Gebirges schmiegt, reiht sich ein Postkarten-Motiv an das andere: Weintrauben hängen an weißen Dachvorsprüngen, antik anmutende große Vasen stehen neben himmelblau gestrichenen Türen, junge Kätzchen verstecken sich im Schatten blühender Tulpen, alte Frauen tragen die traditionelle schwarze Tracht, auf der Straße zählt nicht die Stärke der Pferde unter der Motorhaube, sondern die Stärke des Esels, auf dem man sitzt.
Das Zentrum im Zentrum ist hier wie überall, wo Kreta noch originär geblieben ist, das Kafenion. Das Kaffeehaus im Ortskern ist mehr als ein Ausschank, mehr auch als ein Stammtisch im Freien, es ist das Kommunikationsforum des Dorfes. Bei Ouzo oder Kaffee wird über Gott und die Welt geredet, gespielt, Politik und Geschäfte werden gemacht und das Treiben auf der Straße wird beobachtet. Die patriarchalische Struktur in der kretischen Gesellschaft zeigt sich nicht zuletzt im Kafenion recht deutlich: Der Kaffeeklatsch ist reine Männersache, die Frauen treffen sich zum Plaudern beim Einkaufen oder vor den Häusern. Die Rollenverteilung mit dem Mann als Oberhaupt machen zumindest die jungen Studentinnen nicht mehr mit. Sie haben einen mächtigen Verbündeten: die Geschichte. Ein Blick zurück auf die kretische Historie zeigt, dass die Minoer eine weibliche Gesellschaftsform und Religion hatten.
War das Patriarchat ein Import der zahllosen Invasoren, die im Laufe der Jahrtausende versuchten, Kreta zu vereinnahmen? Mykener, lonier, Römer, Araber, Türken, Nazis - ein Wunder, dass die Kreter nach all diesen ungebetenen Gästen ihre bemerkenswerte Gastfreundschaft nicht verloren haben. Das Wort »Xenos« meint sowohl »Fremder« als auch »Gast«. Der negative Beigeschmack, den das Wort »Fremder« bei uns hat, fehlt hier völlig. Die Kreter laden Sie gerne ein, einfach so. Sie sind hilfsbereit ohne Erwartung einer Gegenleistung. Es kann Ihnen passieren, dass Sie unvermittelt auf der Straße angesprochen und nach ihrem ganzen Leben ausgefragt werden -  ohne Hintergedanken, aus einer Neugier heraus, wie wir sie nur von Kindern kennen. Und nach zwei Wochen im Ferienort steigt kein »Xenos« ins Flugzeug, sondern ein Freund