DANIEL KÜBLBÖCK, dritter Gewinner von Deutschland sucht den Superstar,
stellte in München
seine Autobiographie "Ich lebe meine Töne" vor. Im Gespräch mit
dem Superstar mangelte es an positiver Energie.
„Wer hat denn mein Buch ganz gelesen?“ Zwei der rund zwanzig Anwesenden recken
ihre Zeigefinger in die Luft.
Der Rest hat seine Hausaufgaben nicht gemacht. Dass die Buchpräsentation
von Superstar Daniel Küblböck für einen
Augenblick an eine Schulstunde erinnert, mag vielleicht daran liegen, dass
er einen pädagogischen Beruf gelernt hat –
Kinderpfleger.
Ein wenig früh dran ist Daniel mit seiner Autobiographie, wenn man bedenkt,
dass er gerade erst 18 Jahre alt geworden ist.
Andererseits: Wer mit 17 schon 800 000 Platten verkauft, ist es gewohnt,
auf der Überholspur zu leben.
In seinem Buch beschreibt Küblböck seinen Weg vom Sorgenkind zum
Wunderkind aus der Showbiz-Retorte. "Ich lebe meine Töne"
landete bereits wenige Tage nach Erscheinen auf Platz drei der Bestseller-Listen.
„Meine Töne“? Juristisch gesehen gehören die Töne
auf Daniels CD Positive Energie dem Komponisten, Produzenten und DSDS -Juroren
Dieter Bohlen. Dessen erstes Urteil über Daniel
klang noch vernichtend: „Du singst wie Kermit der Frosch“. Vielleicht war
es diese Reminiszenz an den eigenen Gesangsstil, die den
Modern Talking-Gründer letztlich dazu bewog, den Frosch zu küssen
und in einen Pop-Prinzen zu verwandeln.
Seit seiner Drittplatzierung bei Deutschland sucht den Superstar lebt der
18-jährige aus der bayerischen Provinz seinen Traum.
Und den der jugendlichen Kernzielgruppe von DSDS. Das ist das Geheimnis seines
Erfolgs: So schillernd Daniel auch wirkt, wenn er
einen seiner positiven Energie-Schübe hat – er ist einer von ihnen.
Bei der Buchpräsentation im Konferenzraum eines Münchner
Kaufhauses wirkt Küblböck wie ein Schüler, der zum Thema PISA-Studie
stellvertretend interviewt wird. Dass er ein Superstar ist,
wird man erst später an diesem Tag erkennen können – wenn Küblböck
anlässlich einer Signierstunde die zur Showbühne umfunktionierte
Schuh-Abteilung betritt und von kreischenden Teenagern gefeiert wird.
Doch vorerst muss sich der sensible Künstler den Fragen der Journalisten
stellen. Angesichts seines überraschenden Aufstiegs zum
Popstar drängt sich die Frage auf: Hat Daniel einen „Plan B“, falls
die plötzliche Karriere ein ebenso plötzliches Ende nimmt.
„Wie bitte?“, erwidert Daniel. Seine Augenbrauen zucken.
Die räumliche Distanz zwischen dem Superstar und den Journalisten legt
nahe, dass Küblböcks Problem mit dieser Frage kein
akustisches war. Sichtlich gekränkt antwortet er: „Stellen Sie sich
vor, der Bundeskanzler würde auf einmal Florist werden.
Genau so unwahrscheinlich ist es, dass ich mich wieder in den Kindergarten
stelle.“ Ohne den vorlauten Journalisten eines Blickes
zu würdigen, fügt der Superstar vorwurfsvoll hinzu: „Diese Frage
war ziemlich unrealistisch, wenn man darüber nachdenkt.“
Wenn man darüber nachdenkt, kann einem Daniel Küblböck leid
tun. In seiner Biographie schreibt er, dass ein Satz seiner
Mutter ihn verfolgt: „Du bist nichts und du wirst auch nichts werden.“ Jetzt
endlich hat er der Mutter und Deutschland gezeigt,
dass etwas aus ihm geworden ist. Aber statt gelobt zu werden, wird er von
krittelnden Journalisten in die Mangel genommen!
Und es kommt noch dicker: Die Reporterin einer Münchner Tageszeitung
fragt, ob folgende dpa-Meldung korrekt sei: Der
Gewinner der ersten DSDS-Staffel, Alex, hätte mit seiner Debüt-Single
160 000 Tonträger verkauft, Daniel mit seinem
ersten Hit die Hälfte. Daniels Stimme wird lauter. Und so schrill, wie
man es von seinen ersten Fernseh-Auftritten gewohnt ist:
„Was muss ich denn noch alles machen? Muss ich mit der Krone auf dem Kopf
durch Deutschland fahren und rufen ´Ich bin der
King´. Ist man dann vielleicht der King?“
Die Lokalreporterin kennt keine Gnade, hakt nach: „Stimmen die Zahlen jetzt
oder nicht?“ „Meine Zahlen stimmen, die von Alex
nicht. Ich habe 800 000 Platten verkauft, das finde ich für einen 18-Jährigen
viel.“, sagt Daniel, blickt die Lokalreporterin kurz an
und fügt hinzu: „Ich weiß ja nicht, was sie schon erreicht haben.“
Man muss kein Medium sein, um zu spüren: In diesem Raum fehlt
es an positiver Energie.
“Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein Journalist vom anderen abschreibt.“,
findet Daniels Vater, der bis zu diesem Augenblick
unauffällig in einer Ecke des Raumes saß.
“Es gibt internationale Künstler, die verkaufen nur 100 000 Platten
und werden als die größten Stars hier betrachtet. Und deutsche
Künstler verkaufen 800 000 und schreiben einen Bestseller und dann wird
es hingestellt als hätte ich nichts erreicht. Da muss ich
sagen: Das ist eine traurige Welt.“ Wohl wahr: Wem kann man in dieser traurigen
Welt noch trauen, wenn man sich, wie Daniels
Vater zu wissen glaubt, nicht einmal auf die Faktentreue einer unabhängigen
Nachrichtenagentur wie dpa verlassen kann.
Daniel schmollt. “Für wen schreiben Sie eigentlich?“, fragt er die Reporterin,
die ihm mit ihren ungehörigen Fragen unangenehm
aufgefallen ist.
“Ich wollte doch nur wissen...“ Daniel fällt ihr ins Wort: „Aber wie
heißen Sie, für wen machen sie das?“
Die Reporterin nennt ihren Auftraggeber. Daniels Blick verrät seine
kritische Haltung dem Blatt gegenüber. „Alles klar“, sagt er knapp.
Für Daniel ist alles klar: Der Prophet gilt nichts im eigenen Land.
In Thailand ist Küblböcks Single You drive me crazy unlängst
auf Platz
Eins eingestiegen. Deshalb wird er vom 13. bis 20. Oktober Thailand bereisen.
Angeblich hat er vor einigen Tagen in einem Interview
gesagt, dass er sich vorstellen könne, für immer dort zu bleiben,
„wenn das in Deutschland so weiter geht“. Aber vielleicht ist das ja
nur erneut ein gutes Beispiel dafür, wie ein Journalist vom anderen
abschreibt.