WAHRE LIEBE
Karierte Socken zu tragen und seine Lieblingsplatte nie abzuspielen sind erst der Anfang.
Über den schmalen Grat von Fan zu Fanatiker

Jede zweite Ehe wird geschieden und die Großstädte sind fest in der Hand militanter Singles.
Trotzdem: Es gibt sie, die wahre Liebe. Es ist die Liebe der echten Fans zu ihren Stars. Mit den
Symptomen ihrer Obsession können selbst die leidenschaftlichsten Liebespaare schwer mithalten:
Echte Fans träumen Tag und Nacht von ihrem Idol. Ihre Wohnungen sind Schreine, die sie ihren
musikalischen Gottheiten weihen, die Wände, CD-Ständer und Schränke voll von Devotionalien.
Sie hören ihrer großen Liebe stundenlang zu, andächtig schweigend. Sie reisen bis ans Ende der
Welt und stehen stundenlang im Regen, um den anderen zu sehen, selbst wenn es nur für Sekunden
ist. Böse Zungen behaupten zwar, dass Ohnmachtsanfälle auf Konzerten nicht durch den Anblick
der Bühnenstars bedingt sind, sondern dadurch, dass das Blut vom langen Stehen in die Beine wandert
– jeder wahre Fan würde einem solchen Frevler gegenüber Nena zitieren: „Du kennst die Liebe nicht!“
Autogramm-Jäger zählen streng genommen nicht zur Gruppe der Fans, denn ihre Leidenschaft
beschränkt sich nicht auf einen bestimmten Star, sondern gilt dem Prominenten-Kult an sich.
Um im Bild zu bleiben: Fans sind ihrem Partner treu, Autogramm-Jäger sind hinter jedem Rock(-Star) her.
Und weil die Liebe der echten Fans eine platonische ist, sind sie auch klar von Groupies zu unterscheiden.
Wenn Fans mit ihren Stars schlafen, dann nur, weil das Konterfei ihrer Idole auf ihre Bettwäsche aufgedruckt ist.
Bettwäsche von seinen Idolen hat Ralph Metzger nicht. Trotzdem erkennt jeder, der seine Wohnung betritt,
auf den ersten Blick, was seine Lieblingsband ist. Der Krankenpfleger ist ein Deadhead. Was klingt wie ein
Schimpfwort aus der amerikanischen Hiphop-Szene meint, dass Ralph ein Fan der Band Grateful Dead ist.
Dass die Band sich bereits vor acht Jahren  aufgelöst hat, hält den 47-jährigen Webmaster von www.germanheads.de
nicht davon ab, sein Domizil in ein Grateful Dead-Museum zu verwandeln: Tie-Dyes (T-Shirts in einer speziellen
Batik-Technik – die „Uniform“ der Deadheads) überziehen die halbe Wand seines Wohnzimmers. Das
Arbeitszimmer ist tapeziert mit Backstage-Karten und überdimensionalen Postern mit Motiven von Grateful
Dead-Plattencovern: der Fiddler (Teufelsgeiger), ein Totenkopf mit dem Blitz der Erkenntnis, tanzende Bären,
Schildkröten – was man eben als Maler Ende der 60er so im Kopf hatte auf einem LSD-Trip.
Die Anhänger von Grateful Dead und ihren Erben, den sogenannten Jam-Bands, gelten als Hardcore-Fans,
für die der Fan-Kult nicht nur ein wichtiger Teil ihres Lebens ist, sondern ein Lebensgefühl. Ralph erzählt,
was die Deadheads so besonders macht: „Das ist eine eigene, abgeschlossene Welt. Die Wurzeln liegen in der
Hippie-Bewegung und viele Deadheads bezeichnen sich noch heute als Hippies, leben eine Gegenkultur, die
geprägt ist von Anarchismus im Sinne von Selbstverantwortlichkeit und Toleranz. Ein Beispiel: Wenn man sich
anrempelt, kann das bei anderen Konzerten zu unguten Situationen führen. In unserer Szene lächelt man sich an
und beide sagen ´Entschuldigung´.“
Ralphs Definition eines Fans: „Für einen richtigen Fan ist die Musik genauso
wichtig wie seine Familie. Ein wahrer Fan denkt von seiner Band in kritischer Liebe. Er liebt seine Musiker, aber
er akzeptiert nicht jede Blähung, die sie von sich geben als Meisterwerk. Ein echter Fan respektiert auch das
Privatleben seiner Lieblinge.“
Mit letzterem Punkt haben einige wenige Fans ein Problem, von dem Prominente wie Madonna, Stevie Nicks
(Ex-Fleetwood Mac), Jerry Lewis und Eminem ein Liedchen singen können. (In Eminems Fall heißt das Liedchen Stan.)
 Es liegt in der Natur der Sache, dass Anhänger (sic!) anhänglich sind, doch in diesen Fällen gehen Fans einen Schritt zu
weit in die Richtung ihres Idols. Die Rede ist von Menschen, die so besessen vom Objekt ihrer Begierde sind, dass sie per
Polizeigewalt und/oder Gerichtsbeschluss von ihm getrennt werden müssen. Brad Pitt zum Beispiel stellte überrascht fest,
dass eine fremde Frau im Bett seines Hauses in Santa Monica lag und dabei seine Klamotten trug, weil sie ihm möglichst
nah sein wollte. Psychologen nennen solche Menschen Stalker. Die Polizistin Marcia Clark hat des öfteren mit Stalkern
zu tun. Kein Wunder, ihr Revier ist in der Star-Hochburg Los Angeles. Sie sagt: „Wenn ein Prominenter freundliche
Gesten macht, zum Beispiel in die Kamera lacht, bekräftigt er die Obsession eines Stalkers. Ein Stalker missdeutet jedes
Signal für Nähe als individuelle, persönliche Beziehung zwischen ihm und dem Star. Prominente sollten sich also gut
überlegen, ob sie ihre Fanpost selbst beantworten und in Interviews erzählen, was für ein Auto sie fahren oder sogar
wo sie wohnen.“
Ob man diese finsteren Gesellen als Extremform des Fans definieren sollte oder – wie Groupies oder Autogramm-Jäger
– als eigene Kategorie, bleibt jedem selbst überlassen. Fest steht, dass Fan und Fanatismus nur wenige Buchstaben trennt.
Und dass die meisten Künstler, wenn sie die Wahl hätten, ein Groupie einem Stalker vorziehen würden. Insbesondere,
wenn man sich an den bekanntesten Fall von Besessenheit in der Geschichte der Musik erinnert (mal abgesehen von der
Sache mit Neros Solo auf der Laute beim Brand von Rom):  „Ich war ein Nobody,” sagte John Lennons Mörder Mark
David Chapman, “bis ich den größten Somebody der Welt tötete.“
Robbie Williams wurde zwar nicht erschossen, immerhin aber mal von der Bühne geschubst. Sicher fühlt er sich nicht mal
hinter seinen eigenen vier Wänden: „Manche Menschen sagen zu mir: ´Für all die Millionen, die du verdienst, musst du dich
eben mit ein paar Leuten vor deinem Haus abfinden.´ Aber wenn du 24 Stunden am Tag verfolgt wirst, hast du kein Leben.
Du stehst unter permanenter Beobachtung. Es wird zu einer traumatischen Erfahrung, das Haus zu verlassen. Und das raubt
dir deine Männlichkeit, denn am liebsten würdest du losziehen und die Typen verprügeln, aber das kannst du nicht.“ Joey
von der Kelly Family ist da anderer Meinung. Er bewies: Du kannst das. Und liefert damit eines der wenigen Beispiele, bei
denen der Star gefährlicher für den Stalker ist als umgekehrt. Als die Österreicherin Claudia und ihre beiden Freundinnen ihn
bedrängten, rastete Joey Kelly aus: Er beschimpfte das anhängliche Verfolgertrio als „Schlampen“, schlug mit bloßer Faust
die Fensterscheibe ihres Wagens ein und verbeulte die Fahrertür. Joeys Entschuldigung: „Das waren keine Fans, sondern
Monster. Die sehen aus wie Gestalten aus einem Horrorfilm. Und das noch mit 30 Kilo Übergewicht.“ Liebe macht bekanntlich
blind, deshalb verziehen die Anhänger der Kelly Family ihrem Idol. In den Internet-Foren ihrer Fangemeinde liest man über Joeys
Ausrutscher: „Die Kellys sind so nett und singen für uns, und was machen Fans wie Claudia? – zerstören sie seelisch. Ich kann
Joey irgendwie verstehen. Es ist ja nicht so das er das immer macht, aber er hat ja keinen anderen Ausweg gewusst und es tut
ihm ja auch leid.“
Dass die Fahrerin des Fan-Mobils so heißt wie ein Song der Ärzte, ist nicht nur Zufall, sondern auch eine gute Überleitung zum
nächsten Fall, in dem Fan-Tourismus in Fan-Terrorismus überging. Genau genommen handelt es sich dabei um Telefonterror.
Der Fan war zwar, wie im vorigen Beispiel, übergewichtig und weiblich, hieß aber nicht „Claudia“, sondern „Elke“. In seinen
Tour-Tagebüchern erinnert sich Bassist Hagen Liebing (Meine Jahre mit „Die Ärzte“) mit Schrecken an „das penetrante
Fanmädchen, das immer wieder anrief und uns belästigte, bis ihr Jan schließlich androhte, dass er beim nächsten Anruf ein Lied
über sie verfassen würde, das dann bestimmt nicht herzlich ausfiele. Der Umstand, dass dieses sich bekanntermaßen auf “Das ist
nicht die ganze Wahrheit” befindet, lässt ahnen, dass Elke sich von dieser Ankündigung eher noch zu weiterem aufdringlichen
Handeln aufstacheln ließ.“ Die fette Elke ist leider kein Einzelfall. In einem Tagebuch-Eintrag vom 24. 10. 1987 schreibt The
Incredible Hagen über Blumenkohl. Gemeint ist nicht das Gemüse, sondern ein weiblicher Fan, dem die Band aufgrund seiner
Frisur diesen Spitznamen gab: „Für manche Fans ist offenbar nicht die Zuneigung ihrer Stars wichtig, sondern lediglich, dass sie
immer und immer wieder von ihnen wahrgenommen werden. Allein dieses Wahrnehmen – und sei es aus Verachtung – ist ihnen
ein Erfolg. Das Wort Stalker kannten wir damals noch nicht, Blumenkohl hätte es verdient gehabt.”
Die Schattenseite des Ruhms mussten auch die angeblich von Deutschland gesuchten und gefundenen Superstars früh kennen
lernen. In ihrer Fanpost war zu lesen: "Heulsuse. Wenn ich dir im Dunkeln begegne, schlage ich dir deine blöde Hackfresse ein."
(an Juliette). Über den als „schwulen Irrenhaus-Schlumpf“ beschimpften Daniel: "Ich wünsche ihm, dass er am Bahnhof seine
verspackte Brille verliert und über die Gleise stolpert - möglichst, wenn ein ICE kommt. Da könnte ich auch nachhelfen". Zum
Glück für Daniel und die anderen Bohlen-Sternchen verhalten sich die meisten Fans aber nicht wie schwule Irrenhaus-Schlümpfe,
sondern weitgehend harmlos. Vielleicht abgesehen davon, dass sie karierte Socken und Armstulpen tragen oder sich im DSDS-
Forum im Internet „Positive Energien!“ mit mindestens zwölf Ausrufezeichen wünschen. Jeder hat eben die Fangemeinde, die er verdient.
Apropos Verdienst: Manche Fans opfern ihren Jahresurlaub, um ihrer Lieblingsband hinterher zu reisen. Echte Fans sind eben süchtig.
Und die Auswirkungen dieser Sucht sind manchmal genau so folgenschwer wie Alkohol-, Drogen- oder Spiel-Sucht. Wenn Martina
über ihr Idol spricht, klingt das, als würde sie von ihrem Freund schwärmen: “Mein ganzes Leben dreht sich momentan nur um Daniel...
Er ist der erste Gedanke wenn ich aufwache und der letzte Gedanke wenn ich einschlafe.“ Die Zwanzigjährige ist Pleite wegen Daniel.
Weil sie jeden Zeitungsausschnitt, jedes Foto, jedes Poster, jede CD von dem bayerischen Superstar haben wollte. Ihren Job verlor
die Verkäuferin, weil sie keine Folge von Deutschland sucht den Superstar versäumen wollte und deshalb jeden Samstag krank feierte.
Es gibt Fans, die noch weiter gehen als Martina. Der auf Kondolenz-Karten beliebte Spruch “Liebe ist stärker als der Tod“ gilt für die
seltene Kategorie der psychisch labilen Fans, die man als Kamikaze-Fans bezeichnen könnte, wenn es die Pietät nicht verbieten würde.
Als Kurt Cobain sich sein Leben noch einmal durch den Kopf gehen ließ, folgten ihm einige Fans ins Nirvana. „Ich liebe Kurt. Und ich
werde ihn im Tod wieder finden.“, schrieb die 13-jährige Französin Valentine, bevor sie zur Pistole ihres Vaters griff und mit einer
Schulfreundin Doppel-Selbstmord beging. In besonders harten Fällen muss ein Künstler gar nicht erst sterben, um die Todessehnsucht
von Fans zu wecken: Das Ende von Take That beispielsweise lief ohne tragische Todesfälle innerhalb der Band ab und dennoch führte
die Auflösung der Boygroup – trotz der Einrichtung einer Telefonseelsorge-Hotline, die sich einzig dem Thema Take That widmete – zu
Selbstmordversuchen verzweifelter Teenager. "Mann, wir waren doch nur eine Band", sagt Ex-Mitglied Robbie Williams dazu, "Ist es
nicht verrückt, dass Fans so extrem reagieren?"
In den Augen von Klaus Derkels, Leiter des Bruce Springsteen-Fanclubs The Wish, fängt die Verrücktheit von Fans nicht erst beim
Suizidversuch an. Für Klaus überschreitet schon jemand die schmale Grenze von Fan zu Fanatiker, der vor dem Hotel übernachtet,
um einen Blick auf Michael Jacksons neueste Nase zu werfen. „Solche Extreme gibt es natürlich auch unter den Springsteen-Fans,
aber es ist nicht so verbreitet wie beispielsweise bei Michael Jackson-Fans.“ Wenn schon, dann übernachtet Klaus nicht vor sondern
im Hotel, in dem der amerikanische Rockstar logiert. Um ihm dann eine Ausgabe seines selbst produzierten Fanzines in die Hand zu
drücken. Auf das Heft für die 200 Mitglieder von The Wish ist Klaus stolz: „Unsere Vorgänger haben das Fanzine einfach auf
Schreibmaschine geschrieben. Unseres machen wir mit einem DTP-Programm am Computer und in Farbe.“ Springsteen hat sich seinerzeit
höflich bedankt für die kostenlosen Probe-Exemplare. „Ob er sie gelesen hat ist eine andere Frage.“, meint Klaus. Auf manche Fragen,
will man gar keine Antwort bekommen.
Der Beginn seiner Leidenschaft für Bruce Springsteen beruht auf einem Missverständnis: „Ich bin ein großer Amerika-Fan und fand in
den 80igern automatisch alles gut, was aus den Staaten kam. ´Born in the USA´ war der erste Springsteen-Song, den ich hörte und ich
hielt ihn für eine Hymne auf Amerika. Dass der Song kritisch gemeint war, habe ich erst Jahre später kapiert.“ Die Begeisterung für den
Songwriter blieb auch nach der Aufklärung dieses Missverständnisses ungebrochen. Mehr noch: „Es wurde immer schlimmer. Ich
musste alles haben, was man von Springsteen sammeln kann – Fanartikel, Bücher, Platten. Ich war in meiner Freizeit ständig unterwegs,
um alle Plattenbörsen abzugrasen. Wenn irgendjemand eine Japan-Pressung verkaufte, bin ich hingefahren, egal wo das war.“ Sein ganzer
Stolz ist eine Promotion-Acetat-Platte, angeblich der erste Vordruck zu einer Serienproduktion. „Ich habe sie für 450 Mark bekommen.
Leute, die sich damit auskennen, raten mir, sie nicht unter 1000 Euro abzugeben. Aber selbst wenn mir jemand 5000 Euro zahlen würde
– so etwas gibt man nicht mehr her.“
Dass Klaus ein echter Springsteen-Fan ist, erkennt man nicht daran, dass er dieses Prunkstück seiner Sammlung niemals verkaufen würde.
Sondern daran, dass er die Platte noch nie abgespielt hat: „Dazu ist sie mir zu schade. Ich hätte Angst, dass was damit passiert. Jeder
Kratzer mindert den Wert.“
Klingt so absurd, als würde man mit der erotischten Frau der Welt nicht schlafen wollen, obwohl man die härteste Erektion seines
Lebens hat. So ist sie eben, die wahre, platonische Liebe.