Michael Eichhammer

- Autor -

Belletristik & Sachbücher


Auszug aus Toreros sind so:


Sie sieht umwerfend aus. Wie immer. Da hilft es auch nichts, dass sie sich in einen dicken Norwegerpulli
und eine weite Baggy-Hose verpackt hat.
Heike würde selbst in einem Kartoffelsack sexy aussehen. Trotzdem denke ich darüber nach, ob sie sich
betont hochgeschlossen angezogen hat, um mir zu signalisieren: Denk nicht mal darüber nach!
Andererseits ist es Winter und selbst Models tragen in dieser Jahreszeit keine Bikinis.
Jedenfalls nicht ohne Zusatzhonorar. Mein Gehirn ist überfordert von ihrer Anwesenheit,
die sich surreal und vertraut zugleich anfühlt.
Heike sitzt neben mir auf meiner Couch, als wäre die Trennung nur ein böser Albtraum gewesen,
aus dem ich endlich aufgewacht bin. Es ist nicht mal meine Couch. Wir haben sie zusammen gekauft.
Meine Ex-Freundin sitzt gerade auf ihrer Ex-Couch.

Als sie anrief und fragte, ob sie ihre restlichen Sachen abholen könne, habe ich kurz überlegt,
ob ich mich wichtig machen und eine Terminknappheit vortäuschen sollte.
Stattdessen versicherte ich, dass sie jederzeit vorbeikommen kann. Am besten gleich.
Eine Weile sitzen wir einfach nur da und schweigen. Im Hintergrund hört man leise Stimmen aus dem Fernseher.
Mein neuer Plasmaflachbildschirm hängt an der Wand, protzig wie ein Gemälde.
Und kaum billiger als ein Original eines alten Meisters.
Ich schaue nicht wirklich auf den Fernseher, aber ein kurzer Seitenblick genügt, um zu erkennen,
dass es sich um eine Gerichtsshow handelt. Eine junge, untalentierte Komparsin versucht vergeblich,
aufgewühlt zu wirken.

„Ich lass dich jetzt wieder allein“, sagt Heike. „Dann kannst du in Ruhe weiter fernsehen.“
Sie steht aber nicht auf.
„Ich schaue nicht fern“, sage ich.
„Wieso starrst du dann dauernd auf den Fernseher?“
„Weil du dauernd im Zimmer rumschaust.“
„Ich muss dich doch nicht dabei beobachten, wie du fernsiehst.“

Ich kann mich nicht erinnern, dass wir so komplizierte Gespräche führten, als wir noch zusammen waren.
Ich schalte den Fernseher aus. Sie lächelt flüchtig. Bis sie auf den Boden schaut.

„Sag mal, Martin“, beginnt sie und ich erkenne schon am Tonfall, dass sie gerade allen Mut zusammennimmt,
um mich zu fragen, ob wir es noch einmal miteinander versuchen. Dann meint sie: „Saugst du ab und zu Staub?“
„Was ist denn das für eine Frage?“, empöre ich mich. „Natürlich. Habe ich erst vor kurzem gemacht.“

Ich hoffe, sie weiß nicht, dass wir sicher eine andere Definition von erst vor kurzem haben.
Meine Hoffnung wird enttäuscht, als sie sagt: „Du weißt aber schon, dass man den Aufsatz abnehmen kann
und dann besser in die Ritzen kommt. Da sieht es nämlich ziemlich duster aus.“
„Wo?“
„In den Ritzen.“
„Ich muss nicht mit meiner Ex-Freundin über meine Definition von Sauberkeit diskutieren“, kontere ich trotzig.
Und denke: Schlimm genug, dass sie mich wegen meiner Definition von Sauberkeit verlassen hat.

„He, da ist ja Idefix!“, frohlockt Heike plötzlich, als sie ihren Kaktus auf dem Fenstersims entdeckt.
Nicht den Kaktus!, schreie ich innerlich. Ich habe mich an Idefix schon so gewöhnt, als wäre er ein Haustier.
„Den habe ich beim Umzug glatt vergessen“, gibt Heike zu. Sie spricht so leise, als hätte sie Angst,
Idefix könnte sie hören und ihre Vergesslichkeit verübeln.
Heikes schlechtes Gewissen ist berechtigt, finde ich. Wie kann man seinen eigenen Kaktus nur so vernachlässigen?
Gäbe es ein Sorgerecht für Kakteen, würde es vor Gericht sicher mir zugesprochen werden.
Heike bekäme allenfalls zugestanden, Idefix einmal in der Woche für ein paar Stunden zu besuchen.
Heike scheint mir meine Gefühle für Idefix anzusehen: „Weißt du was? Behalt ihn. Idefix passt zu dir.“
„Was soll denn das nun wieder heißen?“ Ich vermute eine Spitze.
Dass meine stacheligen Bartstoppeln sie beim Küssen gestört haben oder etwas ähnliches.
„Idefix ist leicht zu pflegen“, erklärt Heike. Übersetzt heißt das wohl: Damit ist selbst ein Messie wie du nicht überfordert.

„Hast du... jemanden Neuen?“, frage ich unvermittelt. Ich bin über meine Frage fast genau so überrascht wie Heike.
Sie lag mir seit der Trennung auf der Zunge, aber ich habe sie bekämpft wie eine Erkältung,
die man wochenlang mit sich herumschleppt. Jetzt platzte sie einfach aus mir heraus,
als wäre die Sprechblase in meinem Kopf implodiert.
Heike rollt mit den Augen.
Sie sieht mir wohl an, dass mir das nicht als Antwort reicht: „Was spielt das denn für eine Rolle?“
„Es... spielt halt einfach eine“, sage ich und denke Weil es mir das Herz rausreißen würde.
Und ein rausgerissenes Herz wenigstens nicht mehr weh tun kann.
Sie schüttelt stumm den Kopf.

Dann kommt der traurigste Teil unseres Zusammentreffens, der traurigste Teil jeder Trennung:
Wir verpacken die letzten Beweisstücke unserer gemeinsamen Vergangenheit in Umzugskartons.
Die zerbrechlichen Stücke wickeln wir in Zeitungspapier, damit nichts beim Transport kaputt geht.
Schlimm genug, dass sie mein Herz beim Umzug in ihre neue Wohnung gebrochen hat.
Immer wenn ich Gefahr laufe, dass eine Träne fließt, versuche ich an etwas anderes zu denken.
Die flimmernden Augenlider von Hugh Grant zum Beispiel. Der Trick funktioniert ganz gut.
Dachte ich jedenfalls, bis ich den mitfühlenden Blick von Heike sehe.

„Es tut mir so leid“, sagt sie leise und will mich in den Arm nehmen. Ich weiche instinktiv zurück.
Wenn sie mich jetzt auch noch berührt, hilft mir nicht mal mehr der Gedanke an
Hugh „Klimperwimper“ Grant gegen die Tränen.
„Das muss es nicht“, sage ich mit belegter Stimme. „Niemand ist Schuld an der Trennung.
Wir haben beide bis zuletzt getan was wir konnten, um diese Beziehung zu retten.“

Der einzige Unterschied ist, dass ich nicht einfach aufgegeben habe, als es schwierig wurde.
Aber wie gesagt: Trennungen kann ich ganz gut. Deshalb schaffe ich es auch,
diesen Vorwurf runterzuschlucken wie bittere Medizin.

Wir tragen Heikes Sachen in Umzugskartons zu dem metallic-grauen Passat Variant,
den sie sich von ihren Eltern ausgeliehen hat. Ich fühle mich dabei wie ein Sargträger.
Als wir mit der Erinnerungs-Entsorgung fertig sind, unterhalten wir uns noch im Hausflur vor meiner Tür.
„Da steht ja immer noch mein Name am Klingelschild“, bemerkt Heike irgendwann.
„Ich dachte mir: Man weiß ja nie, was in einem Jahr ist. Und falls sich die Dinge zwischen uns wieder ändern sollten,
dann müssten wir nicht wieder ein neues Klingelschild...“
„Ach, Martin!“ Heike schaut mich mitleidig an. „Also, ich geh jetzt“, sagt sie. Und tut es.

Kurz darauf klingelt es noch mal. Heike steht vor der Tür. Man sieht ihr an, was sie bewegt.
Ich wette, sie fällt vor mir auf die Knie und fleht mich an: ´Es war ein großer Fehler.
Bitte gib mir noch eine letzte Chance und nimm mich zurück!´

Ich liege gar nicht so verkehrt.
Sie sagt: „Tschuldigung, ich habe meine Handtasche vergessen.“

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