Michael Eichhammer

- Autor -


Auszug aus dem Roman "Solo Für Anna"
(Piper 2008)


„Wie wunderschön sie ist.“ Paul starrt schon seit Minuten durch das Fernglas.
Ich selbst sehe so gut wie nichts, weil wir in dichtem Gebüsch hocken.
„Das ist nur der Reiz des Unerreichbaren“, sage ich, um ihn aufzumuntern.
Für einen kurzen Augenblick senkt Paul das Fernglas und schaut statt dessen mich an.
„Willst du damit sagen, dass Katrin nicht wunderschön ist?“
Ich seufze. „Lass uns endlich verschwinden!“
„Wieso?“
„Schau dich doch mal an! Du liegst im Gebüsch...“
„Ich kauere!“
„Dann kauerst du eben im Gebüsch und beobachtest heimlich deine eigene Frau.
Das ist erniedrigend, lächerlich und vor allem: unbequem.“
„Fändest du es weniger lächerlich, wenn es die Frau eines anderen wäre, oder was?“

Statt einer Antwort rolle ich mit den Augen. Paul allerdings merkt das nicht,
weil er schon wieder durch das Fernglas glotzt, als wolle er den letzten unentdeckten
Kontinent finden.
Als ich an Paul hinab blicke, bereue ich, was ich gerade gesagt habe.
„Man merkt, wie sehr dich das mit Katrin mitnimmt.“
„Wieso?“
„Du trägst zwei unterschiedliche Schuhe.“
Paul begutachtet seine Füße. „Tatsächlich.“
Dann schaut er wieder mit der ernsten Miene eines Uboot-Kapitäns am Periskop durch
das Fernglas.

„Wer ist der Kerl?“
„Welcher Kerl?“ Ich schiebe das Gestrüpp ein wenig zur Seite und sehe,
dass ein großgewachsener Mann neben Katrin steht und sich mit ihr unterhält.
„Vielleicht ist es ja der Rektor.“
„Die Schule wird von einer Rektorin geleitet.“
„Na dann ist es eben der Vater einer Schülerin.“
„Und du meinst, die haben was miteinander?“
„Was? Das habe ich doch gar nicht gesagt! Ich habe nur... Aua!“
Ich habe mir das Knie an einer Wurzel gestoßen.
„Pst! Sie geht in unsere Richtung! Leg dich hin!“
Als ich neben Paul im Gestrüpp liege, jammere ich:
„Das ist mit Abstand die dämlichste Aktion...“
„Pssst! Ich glaub, sie hat uns gesehen.“
„Dann lass uns abhauen.“
„Zu spät.“

Vor mir stehen zwei schwarzglänzende Highheels.
Als ich hinauf sehe, schaut Katrin in einer Mischung aus Verwirrung und Wut zurück.
Paul rappelt sich ächzend hoch und schaut Katrin schuldbewusst in die Augen.
„Was geht hier vor?“, fragt Katrin.
Ihr Blick wandert ständig zwischen Paul und mir hin und her.
Es fällt schwer zu entscheiden, wen von uns sie strenger ansieht.
„Ich kann alles erklären“, sage ich und krieche aus dem Gebüsch.
„Ich bin gespannt.“ Katrin verschränkt die Arme.
„Äh“, beginne ich. Mehr fällt mir leider nicht ein.