Michael Eichhammer
- Autor -
Auszug aus der Kurzgeschichte "Gitme, Weihnachtsmann!"
(Piper 2008)
Ich klopfe beherzt an der Tür.
Eine Weile geschieht gar nichts, dann höre ich Schritte im Flur.
Die Tür öffnet sich einen Spalt und ich blicke in zwei dunkle Augen.
Zwei sehr schöne dunkle Augen, soweit ich das in der Dunkelheit des Treppenhauses
und unter meiner Perücke erkennen kann.
Als sie mich erblicken, werden die schönen Augen weit aufgerissen.
Ein erstickter Schrei, dann geht die Tür langsam ganz auf.
Vor mir steht eine hübsche junge Dame. Ihr Pyjama ist so schwarz wie
ihre langen glatten Haare.
„Entschuldigung.“ Sie lächelt mich verlegen an. „Sie
haben mich erschreckt.“
„Soso, waren Sie etwa nicht brav?“, frage ich mit betont tiefer
Stimme.
„Was?“ Die junge Frau sieht mich an, als wäre sie unschlüssig,
ob sie mir zuerst die Tür vor der Nase zuknallen oder schon vorher die
Polizei rufen soll.
„Ein kleiner Scherz“, versuche ich, die Situation zu deeskalieren.
Sie mustert mich neugierig. Ich habe noch nie einen Erwachsenen erlebt,
der einen Weihnachtsmann derart fasziniert angesehen hat.
„Sie sind ein Weihnachtsmann, richtig?“
„Falsch. Ich bin der Weihnachtsmann“, sage ich zwinkernd.
Die junge Dame lächelt schwach zurück.
Ich könnte auch schwach werden, wenn ich sie noch länger ansehe.
„Entschuldigen Sie die Verspätung“, sage ich.
Sie sieht mich irritiert an.
„Es gab ein Problem mit meinem Rentier“, erkläre ich. Das
ist ja nicht mal gelogen.